
Nai Publishers, Rotterdam 2008, ISBN 978-90-5662-028-8
Ausstellungen:
Pinakothek der Moderne München 23.10. – 19.1.2009
George Eastman House New York 11.7. – 4.9.2009
In seinem Essay über die Ausstellung ‘Nature as Artifice’ beschrieb der niederländische Filmemacher Peter Delpeut seine Schwierigkeit, sich bei der Betrachtung seines Landes während einer ausgedehnten Radtour von der Brille der niederländischen Landschaftsmalerei zu befreien. Erst spät hat sich in der Fotografie eine nüchterne Betrachtung der niederländischen Welt durchgesetzt. Fotografen wie Martin Kers mit seiner idealisierenden Sicht von Natur und Landschaft beherrschten bis in die 80er Jahre hinein das Bild, getreue Fortsetzung der idealisierenden Landschaftsmalerei der vorangegangenen Jahrhunderte. Ich erinnere noch gut das befreite Gefühl, als ich das erste Mal das nun legendäre Fotobuch “Nederlandse Taferelen’ (Holländische Tafelbilder) von Hans Aarsman in die Hand bekam. So nüchtern mit allen modernen Ingredienzen einer industriell gestalteten Landschaft sah auch ich dieses Land, wenn ich mit dem Zug von Amsterdam nach Eindhoven fuhr, ein Querschnitt durch das Land von Norden nach Süden. Aber ich bin Ausländerin. Mein Blick ist kaum gefärbt durch die Tradition des Selbstbildes, wie es durch die niederländische Landschaftsmalerei vorgegeben und immer wieder neu befestigt wurde. Für mich war Aarsmans Sicht eine Bestätigung meiner eigenen Wahrnehmung, nicht eine Regelverletzung.
Es ist spannend zu lesen, wie Delpeut in seinem Essay nun, anno 2008, fast 25 Jahren nach dem Erscheinen von “Hollandse Taferelen’, noch stets gegen das malerisch vorgeformte Sehen ankämpft.
Kollektives Bewusstsein ist tief geprägt durch zu Ikonen gewordenen Bilder der Kunst und Kulturgeschichte und fest verankert in der Psyche des Individuums. So beschreibt es auch der elsässische Kulturhistoriker Robert Minder für die jeweilige Wahrnehmung der nationalen Geschichte in Frankreich und Deutschland: nachdrücklich hat er darauf hingewiesen, wie die jeweilige nationale Perzeption der Geschichte auf einige, zu Ikonen gewordene, historische Ereignisse und Personen reduziert ist und in dieser Form tief verankert ist im kollektiven und individuellen Bewusstsein und in Schulbüchern, nationalen Gedenktagen, Festreden, Denkmälern, Kunst und Literatur über Generationen hinweg fortgeschrieben wird. Kollektive Identität wird ganz offensichtlich nicht durch das Wissen um ein Kontinuum gemeinsamer Geschichte gebildet, sondern durch eben durch auf solche Weise selektierte Ereignisse und Personen, die auf der ‘nationalen Festwiese’ (Minder) aufgestellt sind und die in dieser Form wie selbstverständlich fest verankert sind im nationalen Seelengrund. Noch fast 50 Jahre nach Robert Minders Untersuchung kann seine Benennung der unterschiedlichen Sichtweisen von gemeinsamer deutschfranzösicher Geschichte ein Erstaunen darüber hervorrufen, dass es trotz alledem gelungen ist, ohne eine generelle Revision dieser historischen Ikonographie eine deutschfranzösische Aussöhnung herbeizuführen, die es den Bürgern beider Länder möglich macht, nun unbefangen miteinander umzugehen. Von Adenauer und Schumann bis zum TV-Sender Arte sind neue Ikonen kreiert und auf die ‚nationale Festwiese’ hinzugestellt worden, ohne die kontroversen Ikonen der Vergangenheit wegzuradieren – sie sind in ein wertgeschätztes Nebeneinander transformiert.
Wäre das übersetzbar in ein Nebeneinander-im-Kopf von romantischen Bildern niederländischer Landschaftsmalerei und anderen, neu entdeckten Ikonen einer anderen Schönheit - eine Art Quantensprung in eine Integration von Geschichte, Gegenwart und Zukunft im Spiegelbild der Niederländer in der Wahrnehmung ihrer Landschaft?
Wie Delpeuts Essay zeigt, bedarf eine unretouschierte Sicht auf die Niederlande ganz offensichtlich auch heute noch einer besonderen Anstrengung, um neben dem gewohnten kollektiven Wahrnehmungscliché Neues zu sehen. Und diese Anstrengung bedarf obendrein noch einer gesonderten Begründung: die Frage nach der landschaftlichen Schönheit muss aufs neue beantwortet werden - die kollektive Identität verlangt in ihrer Naturidentifikation nach einem schönen Spiegel, den ihr die ungeschminkt wahrgenommene Landschaft verweigert. Immer noch erscheint eine nüchterne Sicht nicht als selbstverständlicher Ausgangspunkt, quasi als das Material der Interpretation durch Fotografen. Mir schiesst das Stichwort vom ‘alten Europa’ durch den Kopf, das Rumsfeld als politisches Kampfargument in die Debatte geworfen hat. Amerikanische Fotografen wie Stephen Shore und Robert Adams haben schon eine Generation früher die Nüchternheit des Sehens mit einer Ästhetik der Darstellung verbunden, die sich inzwischen im kollektiven Selbstverständnis des gebildeten Amerikas eingenistet hat. Unsere europäische Sicht hingegen ist geprägt, aber damit auch belastet durch eine lange kulturelle Tradition, die es schwer macht, sich von dieser Vorformung der Wahrnehmung zu befreien.
Die beeindruckende Zusammenstellung von Arbeiten niederländischer Fotografen, die unter dem Titel ‘Nature as Artifice’ nun in die Welt entlassen ist, ist da in mehrfacher Hinsicht interessant, ja aufregend. Sie stellt bereits jetzt einen Meilenstein in der Prägung der kollektiven Selbstwahrnehmung dar, und sicherlich wird diese Kollektion von Bildern einmal ebenso die nationale Festwiese bevölkern und die Sichtweise des Landes ikonisieren, wie dies die schönen Bilder der Landschaftsmalerei in Museen und Schulbüchern in der Vergangenheit getan haben.
Sie zeigt einen spannenden Vorgang: die Geburtswehen einer neuen Schönheit, entdeckt durch den befreiten Blick auf die Welt, die im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert von anderen Merkmalen gekennzeichnet ist als denen der Natur. Der Titel der Ausstellung ist denn auch passend gewählt als Plattform für die verschiedenen Antworten auf die Frage nach der 'Natur der Dinge' im Spektrum von Registration bis Interpretation. Da sind einerseits Arbeiten wie die Theo Baarts zum Thema ‘Urbanization of a polder’ und Wout Bergers ‘Poisoned Landscape’, die Formen von Landschaftszerstörung registrieren und dicht bei einer fotografischen Anklage angesiedelt sind. Dann sind da Arbeiten wie die von Jannes Linder, der mit buchhalterischer Genauigkeit die neue industrielle Umwelt festhält. Und dann gibt es da andererseits Arbeiten, die erste Versuche einer neuen Ikonisierung unternehmen, wie die Luftaufnahmen Gerco de Ruijters, die geheimnisvollen Fotos von Gábor Ösz oder die eigenartige Stilisierung der neuen Landschaft in den fotografierten Maquetten von Edwin Zwakman. Nur an wenigen Stellen wird eine umfassendere Sichtweise erreicht: so in den Arbeiten von Henze Boekhout, die einen Bogen schlagen von den Ikonen der Vergangenheit zu Gegenwart und Zukunft und zugleich Detail und Gesamtsicht, Mikrokosmos und weiten Horizont integrieren – fuer mich die vielfältigste und interessanteste Interpretation des Themas Nature as Artifice. Bedauerlich ist, das die Fotos aus Aarsmans ‚Hollandse Taferelen’, die den Anstoss zu diesem Aufbruch in ein neues Sehen gegeben haben, lediglich als Kontaktabzüge vertreten sind. Immer noch zeigen sie eine Frische und nüchterne Ironie, die bei kaum einem anderen Fotografen zu finden ist.
Ich würde mir wünschen, dass diese grosse verdienstvolle Ausstellung, die in so vorzüglicher Weise in dem gleichnamigen, von Maartje van den Heuvel und Tracy Metz herausgegebenen Buch dokumentiert ist, eine Fortsetzung findet in einer oder mehreren Ausstellungen zu der Frage des neuen Selbstbilds. Eine Fortsetzung, die den Blick experimentell nach vorn richtet, die nüchterne Registrierung der stadt- und regionalplanerischen Produktion des Landes übersteigt und hinüberführt in eine komplexe Auseinandersetzung über die Frage der Essentials dieses Landes im 21. Jahrhundert. Das ist schliesslich nicht nur eine niederländische Frage. Dieses Land, das in seiner Übervölkerung die Zukunftsfrage der menschlichen Zivilisation zwischen Natur und technischer Selbstverfassung so viel avancierter stellen kann, als andere Länder, ist ein Experimentierfeld der condition humaine der Zukunft, wie kein anderes Land in Europa. Nirgendwo sonst wird die Künstlichkeit dessen, was wir als Natur betrachten, so radikal sichtbar wie in diesem Lande. Nirgendwo auch wird die Ökonomie als Triebkraft allen Handelns so unverblümt fühlbar und breit akzeptiert wie hier in diesem Land und dieser Nation, die zu den ersten gehört hat, die sich kapitalistisch organisierte, drei Jahrhunderte bevor andere Länder zu einer solchen Nüchternheit zwischenmenschlicher Beziehungen vorstiessen. Nicht zuletzt die essayistische Behandlung des Themas durch die beiden Herausgeberinnen und andere, die in der Buchpublikation enthalten sind, liefern ausgezeichnete und glücklicherweise auch kontroverse Anhaltspunkte für eine Fortsetzung.
Helga Fassbinder