Biotope-city International Multilingual JournalBiotope-city International Multilingual Journal
profil
|
artikel
|
kaleidoskop
|
zoom
|
info
|
links
|
archiv
|
impressium
|
kontakt
englishdeutschfrancaisnederlands

 

Interview mit Ot Hoffmann deutsch

Dirk Junklewitz für BCJ

 

BCJ: Herr Hoffmann, weshalb ist eigentlich von der Gesamtplanung für die Verbindung der Darmstädter Innenstadt mit dem Herrengarten lediglich das „Baumhaus“ realisiert worden?

OH: Die Gesamtplanung, für die wir den Auftrag hatten, ist 1969 von der Stadtverordnung beschlossen worden, aber dann kam eben, als schon mit dem Bau dieses Hauses begonnen wurde, diese Pleite: Da drüben wo der Parkplatz heute ist, hatte die Stadt vorgesehen ein Innenstadt-Hotel zu bauen. Nicht nach unserer Planung sondern nach eigenen Plänen. Und als sie mitten in der Planung waren, haben sie gemerkt, dass ein Stück in der Parzelle ihnen nicht gehört. Soviel zur Planung von der Stadt. Dann ist das Ganze zusammengefallen, und dieses Haus stand als Solitär in der Gegend.
Unsere Gesamtplanung  stand damals im Zusammenhang mit der gesamten Umgestaltung  der Innenstadt – wir hatten den Auftrag von der Stadt, die Verkehrsstraßen zu Fußgängerstraßen umzugestalten. Das ist auch durchgeführt worden, die Stadtstraßen sind alle Fußgängerstraßen geworden, die wir mit Pflanzen und Brunnen bestückt hatten.
Doch die Geschäftsleute haben sich dann bei der Stadt durchgesetzt und haben fünf oder sieben Jahre danach, alles ausräumen lassen und haben lediglich Bänke und ein paar Bäume reingesetzt, damit sie möglichst viel öffentliche Verkaufsfläche in Anspruch nehmen können. Der Einzelhandelsverband hat ja eben auch Macht in einer solchen Stadt.


interieur Baumhaus

BCJ: Dieses Hotel nebenan - existierte das schon vor der Planung oder wurde das später gebaut?

OH: Das ist auch so eine Sache.... Das Hotel war, als ich angefangen hatte zu bauen, ein familiengeführtes, kleines Häuschen, und der Besitzer hatte damals einen Architekten für einen Neubau beauftragt, der sich nicht gerade durch seine architektonische Gestaltung hervortat, also sehr konventionell plante, was man dem Gebäude ja leider auch ansieht. Aber das Schlimmste ist, er hat diesen Kasten dort hingestellt, der ja in etwa der Masse unserer städtebaulichen Planung entsprach, doch sein Nachbargrundstück, das zwischen dem Baumhaus und dem Hotel liegt, hat er nicht bebaut, und das Hotel vom Grundriss her auch so konzipiert, dass er es nicht dorthin erweitern kann. Dann hat er auf diesem Grundstück zehn Parkplätze nachgewiesen, d.h. das Grundstück ist auf Ewig unbebaubar. Und diese Zahnlücke ist entsetzlich.

BCJ: Ja, das ist nun auch ästhetisch wirklich ein Missgriff...

OH: Ja, da können Sie nichts machen wenn Sie die städtebauliche Vorgabe nach einer GFZ und so geben – in die Gestaltung können Sie dem nicht reinreden. Das geht nicht.

BCJ: Und dazu unten dieses rustikal anmutende Vordach, das so langsam begrünt…

OH: Bealgt.

BCJ: Sehr amüsant.

OH: Als ich hier ungefähr 1970 fertig wurde, gab es einen öffentlichen Protest. Von Spinner angefangen bis hin zu persönlichen Verunglimpfungen, auch in der Presse. Und dann – es war ganz erstaunlich – kam ein völliger Umschwung als das Haus immer mehr zuwuchs, und in der Zwischenzeit ist es ja dann in das Sightseeing-Programm aufgenommen worden – wie der Hundertwasser mit seiner Waldspirale. Ein schreckliches Ding. Ganz schlimme Wohnungen – schlimmer als sozialer Wohnungsbau – und Außen verhübscht mit irgendwelchen Malereien und schiefen Fenstern und so.

BCJ: Ja, es gibt so einige Projekte von Hundertwasser, die ich sehr zwiespältig finde. Weil er sich da den Touch von ökologischem Bauen gibt und dies aber nicht wirklich so macht.

OH: Ich kenne ihn. Ich hab ja fünfeinhalb Jahre in Wien gelehrt und hab ihn da notgedrungen kennen gelernt. Damals fing sein Projekt in der Löwengasse an und ich hab das dokumentiert. (in welchem Zusammenhang?) Der ausführende Architekt Prof. Krawina, der zu dieser Zeit auch an der Universität lehrte, hatte wohl von meinen Erfahrungen mit Abdichtungen bei Dachbegrünungen gehört. Jedenfalls rief er mich an und sagte, wir möchten uns doch mal bezüglich dieses Projektes zusammensetzen um darüber zu reden, worauf ich ihm entgegnete dass ich jederzeit dazu bereit sei. Kurze Zeit später, nachdem ich nichts weiter von ihm hörte, erfuhr ich, dass Herr Hundertwasser sich mit ihm entzweit hatte. Ein städtischer Beamter hat dann das Projekt weitergemacht.
Doch dann rief Hundertwasser an, und fragte was ich zu kritisieren hätte worauf ich ihm das gesagt hatte was sie mir eben auch sagten, nämlich das es der ökologischen Sache nichts Gutes tut, wenn bei solchen Konstruktionen plötzlich Schäden auftreten. Ja, also wollte er wissen, wie wir verbleiben könnten und ich sagte „Schicken Sie mir die  Pläne – ich kringel einfach mal an was kritisch ist.“ Die Pläne kamen nie, es wurde weitergebaut. Und dann, ich war lange nicht mehr in Wien, und als ich mal wieder zu Besuch kam, fand ich mich bei der Morgenlektüre in der Zeitung, plötzlich bestätigt. Das Projekt wurde als Millionengrab bezeichnet.
Der Architekt hat folgendes gemacht: Auf den Rohbeton hatte er eine Dämmung gelegt, auf die Bitumenpappe geklebt wurde, dreimal oder so, um es sicher zu machen, und dann hat er wohl erfahren, dass die Bitumenpappe nicht wurzelfest ist, worauf er knapp einen Meter als Schutzbeton draufgeschüttet hat. So, was passierte jetzt? Als nächstes waren die Terrassentüren dran. Die waren nur noch einen Meter hoch, da musste er das alles abbrechen und hat eine Treppe innen davor gebaut. Und der Beton bekommt natürlich durch Schwinden Risse – das beschleunigt dann noch das Durchwachsen. So gab es in der Folge Feuchteschäden und aufwändige Reparaturarbeiten. Und der machte dann unverdrossen weiter. Wenn man Star ist, kann man alles machen. Wir hätten Prozesse am Hals die uns die Existenz kosten würden, aber so ein Stararchitekt der hinterlässt sein Label und zieht wieder ab, und niemand wagt irgendetwas mit ihm zu machen. Das ist beim Hundertwasser genauso. Naja, das ist Ökologie von einer besonderen Seite.

BCJ: Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit der Verbindung von Grün und Natur mit der Stadt und Architektur im Allgemeinen. Was ist dabei ihr Ansatz und seit wann haben Sie diesen verfolgt?

OH: Der Ansatz ist Versöhnung der Technik mit der Natur um es mal geschwollen auszudrücken. Das sahen sie ja schon bei dem Projekt des Gemeindezentrums das aus Kanalrohren gebaut ist – einem Industrieprodukt das massenhaft und billig zur Verfügung stand. Das hatte noch nie jemand zum Bauen benutzt. Nun lag es in diesem Fall nahe, da an dem Hang eine Brunnengründung gemacht werden musste, und diese Brunnengründung haben wir praktisch nach oben weitergeführt.
Mein erstes Projekt war vielleicht der Auslöser mich damit zu befassen. Ich hatte irgendwann in den sechziger Jahren mein erstes Haus, das damals in der Bauwelt veröffentlicht wurde, mit flachem Dach gebaut und begrünt. Zu der Zeit war von Dachbegrünung gar nichts bekannt. Ich war ein bisschen selbstkritisch und hab das Grün nicht auf die Dachdichtung gebracht, das war ein sogenanntes Kaltdach, also ein durchlüftetes Flachdach  mit Bitumendeckung und Kiesschüttung drauf – sondern hab große Pflanztröge bauen lassen und ungefähr 15cm aufgestelzt, so dass sie keinen Kontakt mit der Kiesschüttung hatten, und hab diese bepflanzt. Ein sehr schönes Dach.

BCJ: Wo steht das Gebäude?

OH: Hier in Darmstadt in der Stadt. Und nach ungefähr 10 Jahren wurde das Dach undicht. Daraufhin begann ich das Dach abzuräumen und fand, dass an der äußersten Stelle eine Wurzel von einer Latschenkiefer durch das Entwässerungsloch des Troges durch die Luft in den Kies und das Bitumen ins Dach gewachsen war. Kleine Ursache, große Wirkung. Das hat ordentlich gekostet. Da wusste ich, dass es so nicht geht. Doch da gab es für mich noch so einen Widerspruch, denn in Berlin gab’s ja in den 30er Jahren viele Flachdächer die auf solcher Basis gemacht waren. Mit viel Nachstochern hab ich dann herausgefunden, dass diese Dächer auf Teerbasis abgedichtet worden waren. Doch heute ist ja Teer als Dachabdichtung aus gesundheitlichen Gründen verboten, und man muss Bitumen bzw. Kunststofffolien nehmen. Bitumen aber ist ein wunderbarer Nährstoff – in ein, zwei Jahren sind da die Löwenzahnwurzeln durch. Und Teer hat praktisch eine aseptische Wirkung – das heißt die Wurzeln werden abgetötet wenn sie in Kontakt damit kommen. Deswegen gibt’s in Berlin diese Flachdächer auf denen Pioniergehölze und viele andere Pflanzen wachsen, was mit einer normalen Bitumenabdichtung allein nicht möglich wäre.
Daraufhin hab ich mich erkundigt weil ich dachte, es müsste doch eine Möglichkeit der sicheren Abdichtung geben, denn es war ja so eine naheliegende Sache die Fläche, die im Dach gerade in der Stadt oben zur Verfügung steht, zu nutzen. Und dann kam ich natürlich auf Folie. Um weiteres Unheil zu vermeiden, habe ich dort in dem Wintergarten selbst eine Versuchsreihe gestartet. Ich habe mir Abdichtungsfolien besorgt - möglichst mit einem Kreuzstoß, also der Stelle wo zwei Stöße sich treffen. Auf die Folie habe ich ein Becken mit einer Phönixpalme gesetzt, weil die wirklich schnell ist, und unter die Folie sozusagen als Anlockungsmittel Wasser. Die Pflanzen haben ja eine seltsame Eigenschaft die nicht erkundet ist....
Welche meinen Sie?
BCJ: Pflanzen haben einige merkwürdige Eigenschaften die nicht erkundet sind....

OH: Und... wir kommen vielleicht noch auf eine andere.
In zwei Jahren waren die Wurzeln durchgewachsen. Und dann hab ich das mal in irgendeiner Baufachzeitschrift publiziert. Woraufhin Mitte der 80er Jahre der Alexander Koch Verlag kam und fragte „Wollen Sie  nicht mal ein Grünbuch machen?“ Über Dachbegrünung und so. Da hab ich mir mal Literatur besorgt und dachte: uninteressant – es gibt soviel Zeug darüber... doch dann fiel mir auf, dass es kein Fachbuch gab. Bei all den hübschen Grünbüchern mit tollen Bildern gab’s kein Fachbuch das erklärt, wie’s gemacht wird, und so hab ich eines geschrieben, in dem ich auch die Erfahrungen die ich hier gemacht hatte, unterbrachte. Denn hier im Baumhaus hatte ich als Experiment ein wasserundurchlässiges Betondach ohne weitere Abdichtungen gemacht, und darauf den entsprechenden Aufbau: Wärmedämmung, Filterschicht, Vlies, Erdschüttung. Experiment deshalb, weil es keine anerkannte Regel der Technik war. Wenn sie als Architekt etwas machen, was nicht den anerkannten Regeln der Technik entspricht, sind sie haftbar. Aber hier war’s ja mein eigenes Geld also hab ich’s ausprobiert. Später habe ich es auch auf eigenes Risiko bei anderen Bauten gemacht. Noch später ist es dann anerkannte Regel der Technik geworden. Also beim StadtWaldHaus hab ich mich schon regelkonform verhalten. Das hat auch ein WU-Dach. Also ich würde heute nun auch aus Kostengründen ein wasserundurchlässigen Betondach machen. Mit den entsprechenden Vorkehrungen die man braucht und einem schiebefesten Kern – das ist hier der Aufzug - und nicht irgendeine Firma nehmen die einem ein teures Mittel verkauft, sondern mit einfachem, billigen Abbindeverzögerer – das ist das ganze Rezept. Der Beton muss langsam abbinden damit es keine Schwindrisse gibt, und der Vorteil ist ja, dass sie die Wanne wenn sie fertig ist, fluten können und so sehen können, ob sie dicht ist. Und wenn sie dann dicht ist, bleibt sie wirklich dicht.
Es sei denn, eine Wurzel kommt durch – durch den Beton. Und da sind wir beim anderen Wunder der Natur – bei der Bepflanzung oben habe ich Kiefern genommen, weil ich auf einer Reise in Skandinavien sah, das die mit einer relativ dünnen Vegetationsschicht auskommen. Auf den Schären aus Granit, sind oft nur 10cm Humusschicht, daher haben die Kiefern ein weites Wurzelgeflecht. Und da sah ich einige, die vom Sturm umgeworfen worden waren, so dass man die Wurzelteller und den rohen Granitboden darunter sah. Und da konnte man sehen, wie sich die Struktur des Wurzelgeflechts als Rillen im Granitboden abgebildet hatte.
Ich vermute die haben das Gestein irgendwie aufgelöst.


Stadtwaldheim

BCJ: Ja, soweit ich weiß, scheiden Wurzeln Säuren aus um im Gestein gebundene Nährstoffe zu lösen.

OH: Ja, also komm ich da auf den Gedanken, das irgendwann auch die Wurzeln durch den Beton wachsen. Dann haben irgendwann meine Erben eben ein Problem.

BCJ: Und... was schließen Sie dann daraus für begrünte Architektur?

OH: Naja, das Haus steht jetzt schon 30 Jahre – das war eher ein Scherz – ich glaube nicht, dass die Wurzeln durch Beton wachsen. Aber... wenn wir schon dabei sind, wo Pflanzen hier sehr gerne durchwachsen, das sind die Silikondichtungen zwischen Fensterrahmen und Mauer. Da kommt überall Efeu durch. Ich lass ihn mal wachsen.... (lacht)

BCJ: Der ist ja phototrop, deswegen wächst der dort durch.

 

OH: Aber es ist natürlich hochinteressant sich mit dieser Verbindung  zwischen Architektur und Vegetation zu unterhalten, auch weil man ja sieht – hier ganz deutlich – dass die Natur immer der Sieger ist. Wenn man sie lässt, übernimmt sie die Architektur einfach als eine Art Baugrund, als Wachstumsgrund. Selbst wenn sie nichts machen - mit Flechten und Moosen und allem möglichen wird das schnell überzogen. Gerade auch bei Beton, der vergrünt ja sehr schnell. Wobei man ja nicht weiß, was das bewirkt.
Ich hab einen Versuch machen wollen mir einer Firma, die Böschungsbegrünungen für Autobahnen macht. Die haben so ein Mittel auf Bitumenbasis, das wird dann auf die Böschung gespritzt, und dadurch gibt’s Halt und gleichzeitig eine Wachstumsgrundlage. Mit denen wollte ich hier Betonflächen begrünen. Vertikal. Aber das ist nichts geworden. Die Firma gibt es nicht mehr ... aber man kann’s mal weiterverfolgen. Es könnte vielleicht auch eine bestimmte Schutzschicht gegen die Karbonatisierung sein.

BCJ: Heute werden ja die Gründächer häufig mit hochfrequenzverschweißten PE Folien abgedichtet. Empfehlen Sie diese nicht?

OH: Soll mal einer einen Versuch machen. Nachdem meine Untersuchungen publiziert waren – das hab ich vergessen zu sagen – hab ich mehrere Briefe großer Hersteller bekommen. Bei ihnen passiere das nicht, ihre Produkte wären wurzelfest. Dann hab ich mich dahinter geklemmt und herausgefunden, dass sie auch wurzelfest sind – nach DIN – aber die DIN-Bestimmung... also die Prüfbestimmung taugt nichts, die ist abgewandelt aus der Prüfbestimmung für Kanalringdichtungen. Man hatte damals keine Prüfbestimmung eigens für begrünte Dächer und hat dann die für Kanalringdichtungen abgewandelt und das Prüfverfahren quasi auf die Folie angewandt. Danach ist sie dicht, das heißt die Hersteller konnten sagen, dass es DIN-gerecht abgedichtet sei. Als Architekt müssen sie wissen, dass es Risiken hat und bei ihnen dann das volle Risiko liegt. Der Hersteller ist ja durch die DIN abgesichert, obwohl er genau weiß, dass das auf Dauer nicht hält.

BCJ: Ach so, und deswegen können die auch Gewährleistung geben.

OH: Nein, die geben ja keine Gewährleistung. Oder bestenfalls als „GmbH“.

BCJ: Ich dachte ich hätte mal gehört....

OH: Zwei Jahre. Keine 30, die 30 haben sie als Architekt am Hals. Das ist ja unser schöner Beruf - wir haben die Gewährleistung für etwas was wir gar nicht zu vertreten haben.
Als dann die Hersteller protestiert hatten, und ich das mit der DIN wusste, hab ich gesagt „Nun gut, ich mach den Versuch noch mal unter Ihrer Aufsicht hier, Sie können kontrollieren.“ Und habe ihnen die Versuchsanordnung geschildert. Da bröckelten sie alle bis auf zwei ab. Der Eine hat dann gesagt, ja - ich sollte den Versuch nicht machen, sie würden gerade ein neues Produkt entwickeln – stimmt gar nicht, die verkauften das alte immer noch. Und der andere hat dann überhaupt kein Material geschickt obwohl ich es auch bezahlen wollte – extra um unabhängig zu sein – und hat es auslaufen lassen. Es gab keinen Einzigen, der bereit war den Versuch mit der Phönixpalme noch mal durchzuführen. Das sagt genug.
Vielleicht gibt’s in der Zwischenzeit irgendwelche, die mit irgendeinem Mitteln die Folie versehen, das diese aseptische Wirkung vom Teer ersetzt, kann ja sein. Den neuesten Stand kenne ich nicht. Also... versuchen Sie’s, sie werden sehen was dabei rauskommt.

BCJ: Hat sich Ihr Ansatz, die Versöhnung von Natur und Technik, im Laufe der Jahrzehnte verändert? Sehen Sie heute Aspekte der Zielsetzung und der Ausführung anders?

OH: Naja, zuerst hab ich einmal erfahren dass bei diesem oft Gegeneinander von Natur und Technik, die Natur siegt. Und dann ist etwas passiert was ich mir gar nicht erträumt hätte. Ich dachte ich mach das mit dem Grün hier weil ich davon Vorteile in der Nutzung habe und so. Und  nach ungefähr drei, vier Jahren habe ich gesehen, dass mein Dachgarten hier ringsum zehn Kinder bekommen hat. Und das fand ich eigentlich das Allerschönste. Das die Leute sahen, dass sie ihre Dächer nutzen konnten - sie haben das vielleicht blöd gemacht, mit Kübeln oder so - aber sie haben sie endlich mal genutzt. Wenn wir nachher oben sind, können wir ja mal die Kinder angucken.
Und das find ich eigentlich gut – man hat ja als Architekt auch so eine Vorreiterfunktion – nicht nur bei so etwas, aber als das hier immer mehr zuwuchs und die Leute mich dann in den Medien sahen – das Fernsehen hatte berichtet und im Stern und überall kam was – da gab es doch einen Impuls, dass man sich da mal mit beschäftigt – auch bei Kollegen. Da wurde aus dem Spinner plötzlich der Pionier – so wie eine Birke. (lacht)
Dasselbe mit dem Windrad obendrauf. Da haben Sie bei den Unterlagen eine Chronologie der Entwicklung. Ich hab 19 Jahre prozessiert. Das muss man durchstehen. Und mit diesem Musterprozess ist endlich gewährleistet, dass in einem innerstädtischen Gebiet Windräder zugelassen werden können.

BCJ: Welche Argumente wurden denn dagegen vorgeführt?

OH: Das glauben Sie nicht. Weil es in dieser Stadt – §34 Baugesetzbuch – keine Windräder gibt, kann kein Windrad genehmigt werden.

BCJ: Ist ja schick.... (lacht)

OH: Da es in dieser Stadt keine Eisenbahn gibt kann auch keine Eisenbahn gebaut werden – hätte man 1830 gesagt.

BCJ: Unglaublich. (lacht) Das ist ja... sehr bezeichnend.
Sie leben hier ja in einer recht engen Beziehung zur Natur, jedenfalls soweit dies in der Stadt möglich ist. Hat sich ihr Verhältnis zur Natur und zur Stadt im Laufe der Jahre gewandelt?

OH: Natur hatte für mich von Kindheit an eine andere Bedeutung als üblich – ich bin zwar in der Stadt groß geworden in Münster in Westfalen, aber in der frühesten Kindheit war ich auf dem Land. Man kann das als Romantik oder Naturverbundenheit bezeichnen – egal. Jedenfalls habe ich lange Zeiten – auch bis zu 8 Wochen - in der reinen Natur gelebt und mich auch durchgeschlagen: auf einer ehemaligen Alm in den österreichischen Bergen, 1260m hoch. 35 Jahre lang hab ich das immer wieder gemacht. Mit primitivsten Mitteln – kein Strom, kein fließend Wasser – Wasser von der Quelle holen, Nahrungsmittel aus der Natur entnehmen. Und da ist mir bewusst geworden, das ich weder ohne Natur in der Stadt leben kann, noch kann  ich dort in dieser wunderschönen Natur immer leben. Ich brauch die Menschen, ich brauch die Kultur und alles Mögliche. Aber mir war wichtig, in diesem Gegensatz sagen zu können ich setz mich ins Auto und fahre vier Stunden dorthin und lebe da ein paar Wochen, oder schreib ein Buch oder so etwas. Und weil diese Verbindung zur Natur für mich so  wichtig war, ist die Idee mit dem bewachsenen Dach entstanden, als ich mir sagte, ich muss jetzt für das Alter gewisse Vorkehrungen treffen, weil ich mich dann nicht mehr ins Auto setzen und sechs oder acht Stunden fahren kann oder möchte. Ich hab mir sozusagen meine Hütte hierher geholt - daher hat hier alles auch ein bisschen „Hüttencharakter“- dieses Improvisierte und das Wachsenlassen der Natur - das meiste was jetzt hier wächst ist gar nicht mehr gepflanzt worden, sondern von selbst gekommen. Ich habe dann auch beobachtet und kartiert was an Bewuchs dazu kam und warum es kam und so. Das ist die Verbindung zwischen Technik und Natur. Oder - Urbanität und Landleben.

Also das ist der Wandel, das ich mir sozusagen die Natur ins Haus geholt hab, oder besser auf’s Haus. Wobei oft auch von Laien die Kritik kam, ja sie wohnen zwar im Grünen, aber die Aussicht ist ja durch das Grün verdorben, und es kommt ja gar nicht genug Sonne rein. Es ist ganz erstaunlich wie die Menschen auf so was reagieren – also... ich fühl mich in dieser Hecke wohl. Aber... das geht nicht allen so – und das sollten wir immer beachten.

BCJ: Mit dem Entwurf ihres Baumhauses stellten Sie schon Ende der 60er Jahre den fast ausschließlich ländlichen Idealstädten und Wohnformen ein Modell entgegen, das zeigen sollte, auf welche Weise auch die als ungemütlich und ungesund verpönten Städte zu lebenswerteren Orten werden können. Hat sich ihrer Meinung nach inzwischen dieses „Negativbild“ der Stadt in den Köpfen der Menschen verändert, und wenn nicht, sehen Sie heute genügend Anstrengungen die dies bewirken könnten?

OH: Also ich sehe keine bedeutenden Ansätze. Es gibt mal hier und da etwas, aber Sie sehen ja schon, wenn sie Architekturzeitschriften durchblättern, dass der Weg heute woanders hingeht. Seltsamerweise, denn es hat ja einen ganz direkten Nutzen für die Leute, das sie ihr Grün auf dem Dach haben, oder auf einer Terrasse oder so. Aber das Formale steht gerade heute in der „Aftermoderne“ bei Kollegen im Vordergrund. Bestenfalls wird Grün noch zur Verhübschung von Fußgängerstraßen und so etwas genommen. Jetzt war vor zwei Jahren ein Kongress und die suchten die Beispiele für solche begrünten Bauten, und dann lud mich die TU Darmstadt ein zu einem Vortrag. Da man nichts anderes hatte, musste man auf ein Haus das 30 Jahre alt ist zurückgreifen, um ein ‚aktuelles’ Beispiel zeigen zu können. Ich mein, es gibt dieses Beispiel von den Holländern auf den Etagen, aber das ist ja nun nicht belebt, das ist ja nicht benutzt, das hat mehr Ausstellungscharakter. Also, da bin ich eigentlich ziemlich alleine, und so bin ich dann auch abgestempelt. Veränderungen können aber auch durch Änderung der Rahmenbedingungen erfolgen – z.B. durch die Pendlerpauschale.
 
BCJ: Aber es ist ja schon so, dass sich die Städteplaner auch im Zusammenhang mit den schrumpfenden Städten  Gedanken und Pläne machen, die Städte wieder aufzuwerten.

OH: Sie sprechen jetzt vom Wohnumfeld nicht vom Gebäude selbst. Da hat sich eine Menge getan. Auch eben durch Stadtplanung und durch Vorgaben und Möglichkeiten das man den Leuten 15cm am Bürgersteig gibt, für eine Fassadenbegrünung. Wenn Sie durch die Altbauviertel gehen, die haben sich sehr geändert. Und da ich ja nun mal hier seit dem Studium hängen geblieben bin, kann ich das auch sehr gut beurteilen. Also vom äußeren Eindruck, vom Wohnumfeld, hat sich sehr viel verändert – aber am eigentlichen Haus desto weniger. Die Leute die drin wohnen haben nichts davon. Draußen ist es ja auch wichtig – ich will das Wohnumfeld nicht etwa herabmindern – im Gegenteil. Es trägt alles zum Wohlbefinden bei. Aber da ist eine seltsame Diskrepanz. Es ist vielleicht so, dass man auch am Haus nichts haben will – man empfindet das Grün oft als störend, wenn dort Efeu oder wilder Wein hoch wächst. Der könnte dem Haus schaden, oder die Schönheit der Fassade verdecken. Da ist also die Architektur immer noch der feindliche Gegenpart zur Natur. Und deshalb hab ich also mit dem etwas schwammigen Begriff der Versöhnung hantiert, um das deutlich zu zeigen, das ich diesen Gegensatz nicht akzeptiere – auch wenn mir mal ein Efeu durch die Silikonfuge wächst.

BCJ: In ihrem Text „Partizipation der Natur beim Bauen“ sprechen Sie die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur an und sein Bestreben diese weitgehend zu kontrollieren. Doch wie wir auch heute noch immer wieder sehen müssen, kann der Mensch diese letzte Sicherheit vor der Natur nicht gewährleisten. Dabei führt gerade dieses falsche Verständnis in dem sich der Mensch gegen oder über die Natur zu stellen versucht, meist zu den fatalen Folgen. Otto Friedrich Bollnow schreibt dazu in „Die Stadt, das Grün und der Mensch“: „Das Wohnen in einem Haus bleibt letztlich ungesichert und der Mensch gewinnt eine echte Geborgenheit nur, wenn er sein Haus eingefügt weiß in das Grüne, d.h. die lebende und auch sein Leben tragende Natur.“
Denken Sie, das eine verstärkte Einbindung von Natur bzw. Vegetation in die Architektur zu einem Umdenken in diese Richtung beitragen würde, oder meinen Sie, das dies von dem Menschen nur wieder als eine  Bestätigung seiner scheinbaren Kontrolle über die Natur verstanden wird?

OH: Zunächst - dieser theoretische Ansatz ist von Menschen gemacht wie wir, und nicht für Menschen gemacht die anders denken, die so denken wie wir es eben sagten: Meine schöne weiße Fassade, die muss in Erscheinung treten. Aber der Ansatz ist ja dabei: Wird, wenn man in vermehrten Maße Natur an das Haus bindet, der Standpunkt der Menschen über die Natur zu herrschen verändert, oder nicht?  Und da ist eben ein Problem der technische Aufwand, der nötig ist um die Natur ins Haus zu holen. Da ist ja sozusagen prognostiziert, das der Mensch sich über die Natur erheben muss um überhaut der Natur nahe zu sein. Er muss einen Topf für die Natur machen, einen Kübel. Natur in Kübeln ist ja sozusagen ein Synonym dafür, wie der Mensch über die Natur herrschen will.

BCJ: Wie beim Bonsai.

OH: Ja, Bonsai als Extrem. Die Wurzeln dürfen nicht rauswachsen – ich darf ihn da hinstellen wo ich will.
(Unterbrechung, jemand kommt um die Automatik des Bewässerungssystems zu überprüfen)
Jetzt haben Sie – zu unserem Thema passend – ein lebendiges Beispiel für Technik und Natur. Dies war im wesentlichen so abgestimmt das die normale Regenmenge genügt zur Bewässerung. Hier ist bis vor drei Jahren kein Bewässerungssystem gewesen. Aber überall sind Rückhaltebecken die ich Ihnen zeigen werde. Das Regenwasser was dann überläuft, wurde gesammelt, läuft ins nächste und so weiter. Seit sechs oder sieben Jahren hat sich das Klima so rapide verändert, das die Wassermenge überhaupt nicht mehr ausreichte.

BCJ: Interessant.

OH: Ja, es ist viel trockener geworden. Wenn es mal regnet, regnet es ganz stark – und beim normalen Dach läuft alles weg, hier wird’s wenigstens noch aufgefangen. Aber  die Menge selbst ist zu gering und zu einer Zeit, wo ich sie nicht brauche. Wir haben ja trockene Sommer gekriegt, das ist ja fast ein Steppenklima hier – gerade im Kleinklimabereich ist das ja wichtig. Zumal der Wind auch noch über die Dachflächen steigt und viel Feuchtigkeit abtransportiert. Ja, und da musste ich dann eben diese Zusatz-Automatik anbringen Und wie gesagt, jetzt sollte sie zum Frühjahr angestellt werden und jetzt ging sie nicht an zwei Stellen. bei einem war von selbst die Programmierung ausgefallen – niemand war da dran, das ist ein geschlossener Raum – und hier, sagt er gerade, muss der Magnetschalter ausgewechselt werden. Da hängen sie plötzlich mit der Natur, die so hübsch ist, an der Technik wieder dran. Und da haben wir eine Verbindung Natur – Technik die andersrum geht – nicht sehr angenehm zu wissen, dass wenn man mal weggeht die Automatik nicht funktioniert.

BCJ: Mitte der 80er Jahre bezeichneten Sie In der Einleitung zu Ihrem „Handbuch für begrünte und genutzte Dächer“ die „Funktionslosigkeit“ der Begrünung als „eine Chance, als bessere Alternative zur aftermodernen Rückgriffarchitektur wieder Gefühlsmomente in die Architektur einzubringen.“ In der Architektur wurde ja im Grunde schon immer versucht bestimmte Eindrücke und Gefühle auf unterschiedliche Art und Weise zu vermitteln, doch abgesehen von der Garten- und Landschaftsarchitektur spielten Pflanzen dabei häufig nur eine untergeordnete Rolle.

OH: Nun, wenn Sie sich mal diese Aufnahmen schon von Innenausstattungen aus der Gründerzeit ansehen die so überladen waren, sehen Sie, dass es im 19. Jhr. eine ganz große Periode gab, in der man sehr viele Pflanzen hatte. Da kamen die Palmen in das Haus rein. Gucken sie mal auf alte Fotos, auf alte Postkarten und so von Inneneinrichtungen. Parallel dazu wurden ja die Gewächshäuser wieder kultiviert – da kam auch so ein Schwung, aber das ist dann verkümmert. Nun hatte man  damals Räume die so groß waren, dass man wirklich Palmen hinstellen konnte um sich diesen exotischen Stil zu schaffen... also als kleines exotisches Tüpfelchen auf der restlichen Biederkeit. In den großen Räumen der Gründerzeit ging das. Das war also schon mal da.
Und heute ist es eben der Wintergarten, den die Leute sich als zusätzliches Zimmer, aber auch als Grünraum und Überwinterungsraum für mediterrane Pflanzen ans Haus bauen. Also da ist schon etwas passiert.
Aber ob das so hochgegriffen werden kann, wie ich es da im Vorwort gesagt habe, da hab ich jetzt meine Zweifel. Dass die Leute sich wirklich soweit versteigen – von ihren Vorstellungen wegkommen – das sie diese Gefühlswerte, die die Pflanze als Partner bringt, sozusagen wie ein Haustier mit in ihre Wohnung aufnehmen.

BCJ: Wie eine Topfpflanze.

OH: Gegen Topfpflanzen ist nichts einzuwenden – es gibt ja in der Wohnung kaum eine andere Möglichkeit.

BCJ: Topfpflanzen werden teilweise ja wirklich auch als Partner verstanden. Da fungieren z.B. Farne als Ansprechpartner für Alleinstehende und so.

OH: Es fungiert alles als Ansprechpartner, was sie entsprechend mit ihren Emotionen aufladen. Alle Dinge sind ihre Partner.

BCJ: Eigentlich wollte ich mit dieser These darauf hinaus ob man nicht den Architekten wie er sich in der Geschichte oftmals dargestellt hat und häufig immer noch darstellt, als  „konstruktiven Bildhauer“ bezeichnen kann, der, mal sehr pragmatisch und funktional – mal sehr expressiv und aufwändig, „seine“ Gebäude als klar definierte Strukturen betrachtet, die oft wenig oder keinen Raum für den ausufernden „Wildwuchs“ von Pflanzen oder „Adaptionen“ späterer Nutzer bieten.

OH: Ja, das ist ja die Kritik, die wir schon angesprochen haben, aber die Kritik muss noch weitergehen: Dieser Architekt muss abgeschafft werden. Der ist in unserer Zeit unhaltbar.
Die neue Aufgabe des Architekten müsste sein, dem Nutzer Raum zu schaffen, der ihm die Möglichkeit zur Gestaltung bietet – abseits von Tapeten ,Vorhängen und so einem Krimskrams, den er eigentlich gar nicht braucht. Das ist die zukünftige Aufgabe des Architekten.
Wenn ein Architekt eine Terrasse wie diese von vornherein mit dem Pflanztrog davor planen würde, dann hat er soviel Vorgaben gemacht, das die Leute gar nicht anders können als etwas dort hinzupflanzen. Egal was sie dahin pflanzen – ob sie da ihre Thuja oder Buchs oder weiß ich was hinpflanzen, ist ganz egal – aber es ist ein Einstieg.

BCJ: Dazu fällt mir ein Satz von Louis Kahn ein, der geschrieben hatte: „Meiner Meinung nach hängt die Größe eines Architekten mehr von seinen Fähigkeiten ab, das zu verwirklichen, was Haus ist, als von seinem Entwurf eines Hauses, was ein von den Umständen bedingter Vorgang ist. Ein Heim ist das Haus mit seinen Bewohnern. Ein Heim wandelt sich mit jedem Bewohner.“ (Louis Kahn „Form und Entwurf“ in Vincent Scully jr.: „Louis I. Kahn“, Ravensburg 1963)
Darum geht es doch.

OH: Es geht noch weiter. Der Mensch hat ja Grundbedürfnisse – ich gliedere die in primäre – Nahrung, Kleidung, Wohnung – sekundäre und tertiäre. Und zu den tertiären gehört die Gestaltung, der Gestaltungsdrang. Jeder Mensch will irgendwie gestalten: mit seiner Kleidung oder auch heute oft mit der Wohnung – für unsere Augen oft in abenteuerlicher Weise – aber er will gestalten. Es ist eine Notwendigkeit. Und unsere Aufgabe ist ihm Möglichkeiten zu verschaffen dieser Gestaltung nachzukommen und die Gestaltung mit Grün ist eine dieser Möglichkeiten. Und eine der letzten. Denn unser Bauen ist überall weitgehend reglementiert. Aber was sie auf dem Dach machen ist ein Freiraum. Das muss man sich mal überlegen – in unserer Welt wo alles vorgeschrieben wird, ob Dachneigung, Dachdeckung – alles Mögliche – da gibt es einen Bereich der völlig frei ist. Absolute Freiheit. Das ist einmal der Garten, das Dach – ja und auch die Fassadenbegrünung.

BCJ: Wobei manche Architekten sich in Wohnsiedlungen mitunter vorbehalten prägend in die Gartengestaltung einzugreifen. Also indem sie vorschreiben welchen Zaun man sich dort hinstellt, oder welche Markise man anbringt.

OH: Ja, nicht nur Architekten: in der Ortsbausatzung oder in den textlichen Festlegungen zum Bebauungsplan ist das oft enthalten. Da können die Architekten gar nicht anders.
Ich möchte zu gerne mal mit dem Ungers mal sprechen, was der sich denkt wenn er seine Kästen da hinsetzt mit den Löchern. Ob der an den Menschen denkt der da drin ist, oder ob ihm das völlig gleichgültig ist.

BCJ: Meiner Meinung nach verfolgt Ungers in seinen Projekten auch einen sehr skulptural betonten Entwurfsansatz, der ja bei vielen öffentlichen Gebäuden auch gefragt ist – man sehe sich nur mal die vielen Solitäre an, die in den Städten so gebaut wurden und werden. Das kann mitunter zu Abstrichen bei anderen Qualitäten führen.
Wenn man Grün nun als Alternative oder nötige Ergänzung zu den sonst üblichen, eher skulpturalen Gestaltungsmitteln (also Form, Proportion, Farbe, Materialität) betrachtet um der Architektur diesen besonderen, sagen wir mal „emotionalen“ und die Sinne ansprechenden Ausdruck zu verleihen, wie betrachten Sie dann den qualitativen Unterschied zwischen der „emotionalen“ Architektur z.B. eines Libeskind und der „emotionalen“, grünen Architektur z.B. des Baumhauses?

OH: Ich denke das dürfen wir nicht in einen Topf werfen – da muss man schon unterscheiden zwischen Wohnarchitektur und öffentlichen Bauten. Ich hielt es für ziemlich absurd, wenn man einen Gemeinschaftsbau oder ein Theater begrünt. Das kann man machen – ich bin nicht dagegen – aber... was bringt das eigentlich? Für wen?
Vielleicht ist es sogar so, das wir diesen Kontrast verstärken müssen zwischen der  bewohnten Architektur und der von der Öffentlichkeit genutzten Architektur. So wie der Kontrast ja früher im Mittelalter zwischen der Kathedrale, diesem gigantischen Bauwerk, und den Lehmhütten ringsum bestand. Ein solcher Kontrast wäre für mich denkbar zwischen bewohnter Architektur mit Grün und einer überwiegend nicht begrünten öffentlichen Architektur. Man kann nicht überall Grün haben.
Ein gutes Beispiel ist die Fußgängerstraße in Darmstadt. Sehen Sie, wir hatten 1970 bei dem ersten Entwurf versucht den Charakter dieser Straße in der Stadt herauszuarbeiten. Stichwort: Steinerne Stadtstraße – die Einbauten da drin waren kubisch, streng. Die Brunnen waren aus Betonelementen aufeinandergetürmt, da plätscherte das Wasser runter und so. Das war ein sehr hartes Bild - trotz des weichen Wassers. Dann hat man sie umgestaltet zur heutigen Form; man hat da Bänke hingesetzt und Bäume reingepflanzt – Begrünung als Verhübschung. Die Bäume sind da absolut nicht lebensfähig, alle paar Jahre müssen sie ersetzt werden, oder sie werden solche Peitschen, weil sie zum Licht wollen. Aber es ist grün. Und heute wird Grün als Etikett genommen. Doch gerade der Kontrast zwischen der steinernen Stadtstraße und dem grünen Park in der Stadt wäre ein deutliches Strukturierungs- und Gestaltungselement. Aber so wird alles vermanscht – Grün ist beautiful, also muss irgendwo Grün hin – wo’s gar nicht hin gehört.
Man sollte auch mal an die armen Bäume denken. Wenn man schon von Partner spricht, sollte man mal fragen wie’s dem Partner zumute ist. Auf der Zeil in Frankfurt haben sie die Platanen unten am Tropf – oder sind’s Platanen? Jedenfalls so ne Ahornart. Da ist eine ganze Reihe unten am Tropf weil ein U-Bahnschacht darunter gebaut ist. Die sind unterirdisch bewässert und bekommen auch automatisch Nahrung. Und im Herbst wundern die Leute sich weil sonst alles kahl ist und die Bäume dort noch alle im satten Grün dastehen. Wenn dann der Frost kommt hängen die ganzen Blätter und Triebe runter. Jetzt wird das ja entfernt. Ich finde es richtig – das ist absurd.
Also: nicht Grün um jeden Preis und überall.

BCJ: Wo sehen Sie die größten Widerstände gegen Gebäudebegrünung? Sind es eher pragmatische, technische und finanzielle Gründe oder der Wunsch des Kunden bzw. Architekten nach einer „sauberen“ Architektur?

OH: Die Architekten haben doch gar nichts mehr zu sagen, wenn das Haus fertig ist. Die Architekten können wir vergessen. Wie der auch baut, wenn der Nutzer Grün haben will und die Fassade begrünt, ist die Architektur im Eimer. Der Architekt hat ja nichts mehr zu sagen, der ist weg. Also  müssen wir an den Nutzer denken – welche Einstellung hat der Nutzer dazu? Naja, wie gesagt im Wohnumfeld – das ist ja hauptsächlich Fassadenbegrünung in diesen engen Straßen – mehr kann man ja da nicht machen – ist ja schon viel gelaufen und da sieht man ja was der Nutzer dazu denkt...

BCJ: Es ist wahrscheinlich einfach die Angst vor der Pflanze oder auch vor dem Aufwand sie zu pflegen.

OH: Beim Nutzer?

BCJ: Ja.

OH: Na, er tut’s doch. ... Jetzt wäre die Frage: Was ist der Grund für das Nicht-Tun?
Es geschieht ja überall, also...es ist ja fantastisch wie das zunimmt.

BCJ: Könnte aber mehr sein.

OH: Sie sind unbescheiden. Sie sind noch zu jung! (lacht)

BCJ: Das wird’s sein. (lacht)

OH: Was ist der Grund für die, die es nicht tun. Ja,... diese Cleanness, dieses hygienische, dieses saubere...

BCJ: Ich denke, dass Nutzer das oft auch nicht wegen gewisser Klischees machen, die aus Unkenntnis resultieren. Es ist ja auch so, dass man auch ein gewisses Wissen mitbringen muss – man kann nicht an jede Fassade jede Pflanze dransetzen – Efeu kann auch sehr zerstörerisch sein. Und da besteht eben ein ziemlicher Informationsmangel.

OH: Ja, aber für Laien ist da ja eine Publikationsflut für Fassadenbegrünung. Wenn die das wollen haben die keine Schwierigkeiten dies zu realisieren. Es kommt jetzt darauf an herauszukriegen warum sie’s nicht wollen, die die es nicht wollen, und da glaub ich einfach, so aus der Kenntnis der Leute wie sie auch ihre Vorgärten und das alles gestalten, dass sie das sauber und ordentlich haben wollen. Und dass sie das als unordentlich empfinden. Und das ist es ja auch, das ist ja das Schöne daran. Das ist ja eine Unordnung die hinreißend ist – das ist Chaos. Da macht ein Architekt – vielleicht sogar nach dem goldenen Schnitt weil er ein bisschen pervers ist – ein Haus, gestaltet das so richtig schön, und dann wächst da so eine Pflanze davor – ein Baum – und verdeckt das alles. Hinreißend. Der kümmert sich nicht um den goldenen Schnitt, den hat er drin. Das heißt – er hat ihn auch nicht drin, sondern... etwas ähnliches hat er... drin.

BCJ: Die Pflanze?

OH: Ja. Die Ableitung vom goldenen Schnitt ist ja absurd – für uns.

BCJ: Ja, der ist viel zu schematisch gemacht.

OH: Eben, und es ist einfach eine Gesetzmäßigkeit in die Natur reingebracht, die sie nicht hat. So ähnlich funktioniert sie aber nicht so. Man hat daraus ein Regelwerk gemacht. Ich erinnere mich meines ersten Lehrauftrags... ´68. Da hieß die Gesamthochschule Kassel noch Akademie. Neben revolutionären Aufrufen ging’s da auch darum, solche Formprobleme in den Griff zu kriegen. Und da spukte der Goldene Schnitt auch in den Köpfen herum. Also hab ich ein Blatt gemacht und hab dann ganz wirr verteilt Rechtecke, stehende Rechtecke, in allen möglichen Proportionen draufgezeichnet. Und hab das sofort verteilt und gesagt: 30 Sekunden – ankreuzen welches das Schönste ist! Das in den Proportionen Schönste. Ja, das Erstaunliche war – es war fast kein goldener Schnitt dabei.

BCJ: Ach.

OH: Ja. Die wussten ja noch nicht genau welches der Goldene Schnitt war. Die Tendenz war – und die war  in der Architektur auch nachzulesen – ganz hochinteressant – die Tendenz war in Richtung Quadrat. Also in diese Richtung – der Goldene Schnitt ist ja etwa 3 zu 5 – und das war so ein gestutzter goldener Schnitt. Ganz interessant. Und das waren „Fachleute".

BCJ: Da gibt’s ja Leute, die das Gegenteil behaupten. Die dann sagen das wäre halt statistisch so festgestellt worden….

OH: Na sollen sie die Statistik mal machen. Da gibt’s den... wie heißt er, dieser Naredi mit dem goldenen Schnitt – hat ein dickes Buch bei Dumont....

BCJ: Paul von Naredi-Rainer. Architektur und Harmonie.

OH: Ja. Auch die Beispiele sind falsch – es ist toll was die Leute machen. Da sagen sie schon im Mittelalter bringen die Schnitte – man soll sich mal so einen Schnitt angucken. Im historischen Museum in Wien ist der Schnitt von dem Stephansdomturm. Wenn man sich den genau anguckt ist der natürlich mit solchen Rechtecken strukturiert. Aber... die Leute waren viel klüger als die Goldener-Schnitt-Leute heute. Das waren Hilfslinien. Man sieht’s ganz deutlich. Wenn sie einen schnellen Entwurf haben und haben nichts anderes als die Reißschiene und das Dreieck – wie kriegen sie ein Quadrat hin? Ich nehme 45 Grad, zweimal und schon hab ich’s. Nichts anderes ist auf den Bleistiftlinien zu finden. Heute noch. Man muss nur hingucken. Z.B. das erste Hauptgesims. Da haben sie das Hauptgesims als Oberkante Hilfslinie. Das sind alles Hilfslinien, nicht etwa goldener Schnitt Linien oder so – Hilfslinien zum Zeichnen! Und beim nächsten ist die Hilfslinie auf der Unterkante vom Gesims. Und da haben die nämlich schon gewusst, was die mit dem goldenen Schnitt heute nicht wissen. Dass das nach oben hin abnehmen muss, um eine gewisse Wirkung zu erzielen. Man kann nicht Bauklötze aufeinander stapeln die gleich sind – das taugt nichts. Und noch besser ist das ja in der Renaissance. Da kam ja der goldene Schnitt richtig zum Zuge. Da gibt’s die Fassaden beim Palazzo Strozzi – sicherlich, sie sind so aufgebaut, aber es geht doch darum ob das Ergebnis erreicht ist. Es ist nicht erreicht. Wenn ich einen Meter Gesims da oben habe, ja, und das Gesims ist in der Zeichnung richtig schön mit goldenem Schnitt eingebaut, dann entspricht das doch nicht der räumlichen Wirklichkeit. Denn wenn ich fünf Meter vor dem Haus stehe ist das etwas anderes, als wenn ich drei Kilometer weg bin, und  mit dem Fernglas das erreiche was der Zeichner in seiner Zeichnung als goldenen Schnitt gemacht hat. Also das sind Spielereien – man kann damit spielen, aber es ist nichts Absolutes.
Gut, wir kamen auf den goldenen Schnitt.

BCJ: Architekten neigen zu Plangrafik.

OH: Ja – ist ja auch ganz schön, wenn man so ein System hat; hab ich auch gemacht, geb’ ich zu. Aber wir haben’s räumlich gemacht mit Modulen und wahnsinnigen Schwierigkeiten, und dann haben wir gemogelt wenn’s irgendwo nicht hinkam.

BCJ: Eine inhaltliche Frage hätte ich noch zu ihren Querblättern „Öko-Unsinn“.

OH: Ach! Haben Sie die Querblätter gelesen?

BCJ: Nicht alle. Aber sie sind sehr interessant. Natürlich absichtlich provokativ formuliert. Und da schreiben Sie in dem „Öko-Unsinn“ Querblatt, das die angebliche Wärmedämmung von Gründächern  gar nicht existiert. Und in dem älteren Text „Für eine andere Architektur“ schreiben Sie die „Wirkung einer Erdaufschüttung als Temperaturpuffer“ ist „unwahrscheinlich groß“.
Da ist natürlich die Frage, was man als „Wärmedämmung“ betrachtet. Das mag manchen Leser irritieren.

OH: Mit dem Gründach ist dieses Grasdach gemeint. Das hat keine Wärmedämmung.
Sie können sich es klar veranschaulichen: Wenn das Grasdach ausgetrocknet ist, absolut trocken ist, ist es wie ein Dämmstoff – doch dann brauch ich’s nicht. Wenn es aber durchfeuchtet wird, ist es so als wenn sie eine Mineralwollmatte aufs Dach legen und lassen sie nass werden – Schluss.
Aber – die Pufferung durch Erdschüttung ist was völlig anderes. Wenn Sie 50 cm Erde aufschütten, ist ja der Verzögerungseffekt der wichtige. Da strahlt die Sonne drauf die macht das auch – die macht das warm – aber nachts – ist das Gegenteil der Fall.

BCJ: Ja, es ist eben nicht die Wärmeleitfähigkeit, sondern die thermische Pufferung, die den energiesparenden Effekt des Gründaches ausmacht. Darüber hinaus verzögert allerdings, je nach Bewuchs, die Reduzierung der Windgeschwindigkeit an der Dachoberfläche, in gewissem Maße die Auskühlung des Substrates und somit auch des Gebäudes.

OH: Und noch etwas kommt dazu – das werden sie oben sehen – bei der Erdaufschüttung haben sie eine Vegetationsstufung, wie sie überall in der Natur ist. Am besten im Dschungel zu sehen, wo es ja diese Etagenwälder gibt. Diese vier oder fünf Schichten. Die bilden sich dann auf dem bewachsenen Dach auch aus wenn sie eine Erdschüttung haben. Ich habe oben Kiefern stehen – das ist sozusagen das Dach – dazwischen Gebüsch und dann hab ich unten eine Vegetationsschicht, die ist hier zufällig Efeu und alles was da gewachsen ist. Früher hatte ich da auch Nutzpflanzen – heute stehen sie nur noch isoliert dazwischen. Da hab ich auch diese Schichtung. Ich hab dann mal versucht herauszukriegen, wie diese Schichtung funktioniert. Nach einem heftigen Gewitterguss, bei dem ich gemessen habe wie viel Zentimeter Regen gefallen war, hab ich dann sofort ein Loch gegraben und gesehen, wie weit die Feuchtigkeit reingeht. Ja, der erste Regen hängt noch immer in den Kronen, der kommt erst runter wenn der Wind diese schüttelt. Es war nur so viel (zeigt ca. 5cm), obwohl ich so viel (zeigt ca.15cm) Wasser hatte. Und das ist der Effekt der dabei anders ist als beim schnell durchfeuchteten Grasdach. Wo’s Wasser ja auch ablaufen muss – es darf ja keine Staubewässerung geben. Beim erdangeschütteten Dach könnten sie ja, wenn sie wollen, Staubewässerung machen – auch wenn sie’s nicht machen – es ist immer wieder ein gewisser Staueffekt da, weil das Wasser, was unten in der Drainageschicht ist, langsam wegfließt.
Also beim Grasdach haben sie, wenn Sie ihren Frieden mit der Industrie machen wollen, notgedrungen diese Chemiefolie drin – die möchte ich ganz gerne nicht haben.

BCJ: Und deswegen nehmen Sie Beton.

OH: Ja. Zum Beispiel.

BCJ: Sonnenenergienutzung: Sie haben damals in „Für eine andere Architektur“ erwähnt, das die damals verfügbaren Technologien zu kompliziert seien und „Autarkie“ anstreben. Sie schlugen vor, stattdessen „einfache Sonnenkollektoren, wie sie in südlichen Ländern betrieben werden“ lediglich im Sommer einzusetzen.
Bevorzugen Sie immer noch solche „Low-Tech“ Lösungen? Wie stehen sie zur Verwendung und Integration von Photovoltaikelementen in der Architektur?

OH: Photovoltaik finde ich durchaus sinnvoll und hätte auch kein Problem mit der Integration in Gebäuden. Ansonsten ziehe ich aber Low-Tech Lösungen vor. Es muss ja z.B. auch nicht immer eine konstante Temperatur in der Wohnung herrschen. Ich habe mir da z.B. mal diese „Wärmekiste“ hier gebaut, in der ich drinsitzen kann und lesen, schreiben oder sonst was - und meine Abwärme heizt die Kiste. Das war z.B. auch sinnvoll, wenn nach längerer Abwesenheit im Winter die Wohnung noch kühl war. Ein anderes Beispiel ist die Toilettenentlüftung in diesem Haus, die ganz ohne elektrischen Lüfter auskommt. Die Entlüftung funktioniert hier über Thermik. Im Winter durch die Temperaturdifferenz Innen – Außen, und im Sommer durch die schwarze Bemalung des Lüftungsrohres oberhalb des Daches. Dadurch entsteht dort sozusagen ein „Warmluftpfropfen“ der aufsteigt und so einen kontinuierlichen Sog im Rohr erzeugt.

BCJ: Sehen Sie ihre begrünten Gebäude in einem solchen größeren  Zusammenhang der Reduzierung der Erwärmung und der Verringerung der Strahlungswärme von Städten?

OH: Ja, aber nur dann, wenn sie in weitaus größerem Maße als bisher angewendet werden.

BCJ: Gegenwärtig sind begrünte Dächer im Kommen – manche Gemeinden in der Schweiz, Österreich u Deutschland schreiben das sogar schon für Neubauten vor wegen der positiven Effekte  für das Stadtklima. Könnten Sie sich vorstellen, dass nicht nur grüne Dächer, sondern auch grüne Wände einmal Vorschrift werden?

OH: Wohl kaum. Ich denke man sollte statt Vor-Schriften lieber Vor-Bilder machen. Das bringt mehr. Vorschriften haben wir schon genug.