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Hinrich Baller, Doris Baller
Architekten –Landschaftsplaner

 

Gartenparadies Potsdam Nuthesiedlung

 

Kapitel 1
Potsdam Centrum Ost

Die Freundschaftsinsel inmitten der Havel liegt unmittelbar gegenüber dem Potsdamer Stadtschloß und seinem berühmten Ensemble. Von hier aus zieht sich seit 200 Jahren flußaufwärts ein grünes Ufer bis in die sehr viel ältere Stadt Spandau. Die begleitenden Sanddünen und märkischen Kiefernrücken sind seither zu einem der größten künstlichen Ufer Biotope, zu einer einzigen Parklandschaft mit gewaltigen Laubbäumen verwandelt.

Glienicke, Pfaueninsel, Grunewald und Schildhorn sind aus keinem Reiseführer Berlins noch wegzudenken, ein romantisches, preußisches Arkadien, das die Charakterisierung als des 'deutschen Reiches Streusandbüchse" ( Bismarck) vergessen läßt. Und doch ist gerade dieses Werk aus kleinen Einzelbausteinen gefügt, initiiert seit 1816 vom königlichen Gartendirektor Peter Joseph Lenné.

Verschönerungsplan, Lenné Plan von 1833

Zu einem mißglückten Befreiungsversucht der DDR Regierung gegenüber der erdrückenden Last preußischer Gegenwart geriet die Beseitigung des Schloßensembles und großer Teile des innerstädtischen Stadt-Grundrisses nach Kriegszerstörung und der Neubau der Plattensiedlung Zentrum Ost auf der gegenüberliegenden Havelseite genau im Flußdelta der Nuthe. Hier hatte diese seit Jahrtausenden ihr Überschwemmungs-gebiet. Schloßpark Babelsberg und die Inselstadt Potsdam orientierten ihre Blickachsen auf dieses Naturereignis. Bodenaustausch und Bodenverdichtung schufen ein Plateau mit Hochhäusern bis zu 14 Geschossen.

Eine Schlafstadt für 9.000 Menschen mit Autobahnanschluß und zu Fuß 10 Min vom Stadtzentrum. Der previligierten Lage folgte eine DDR Elite, für die zwischen Autobahnzubringer und Häusern ein 100 m breiter Streifen für Pkw-Stellplätze und Behelfsgaragen bereit stand. Dies war das neue Gegenüber des einmaligen Gartendenkmals Babelsberger Park, dessen Entstehung wir den beiden größten Gartenpoeten der Zeit verdanken: Hermann Graf und später Fürst Pückler, Muskau und dem preußischen Gartendirektor Peter Joseph Lenné.

Die Betroffenheit der Verantwortlichen in der Stadt und der Stiftung Schlösser und Gärten nach dem Ende der DDR führte zur städtebaulichen Entwicklung zwischen Potsdam und Babelsberg durch den eigens dafür gegründeten Sanierungsträger Potsdam, nach dem Vorbild der behutsamen Stadterneuerung der IBA von Hardt Walter Hämer, dessen langjähriger Vize und sehr viel später auch sein Nachfolger Cornelius van Geisten mit viel Elan und noch viel mehr Hoffnung nach Potsdam ging.

Das utopisch anmutende Abtragen der Hochhäuser zumindest bis zur Hochhausgrenze - von den Verantwortlichen des Weltkulturerbes und der Gartendenkmalpflege immer wieder gefordert - erscheint heute rückwirkend geradezu geboten, weil keines der Hochhäuser den notwendigen Sicherheitsstandard hatte und so Sanierungskosten in der Höhe von Neubaukosten angefallen sind. Aber Veränderungsgedanken in dieser Richtung scheiterten letztlich an der sehr vitalen Bevölkerung, die ihr 'DDR Paradies' zu verteidigen wußte. Die neu erreichte Freiheit ließ bei vielen Projekten das Kulturbewußtsein so nach hinten rücken, daß die Entlassung der Stadt aus dem Status 'Weltkulturerbe' unmittelbar bevorstand.

 

( Plan Freundschaftsinsel Nowawes)

In diese komplexe Gemengelage von Stadtvorstellungen hinein wurden wir vom neuen Sanierungsträger über mehrere Stufen beauftragt. Unsere Entwicklungsgedanken, das verdrängte Wasser der Nutheniederung in den Hofräumen der Hochhäuser zum neuen städtebaulichen Begleitthema von Babelsberg bis zur Freundschaftsinsel herauszuarbeiten und durch Grünraum und Teiche die verlorene Niederung in das Bewußsein zurückzurufen als romantisches Element für die Lebendigkeit des Wohnumfeldes, stieß nur teilweise bei den Betroffenen und Verantwortlichen auf Faszination und entsprechende Unterstützung.

Im Nutheverlauf ungeordnete Kleinstbootswerften sollten in ein Hafenbecken inmitten der 'Wohnscheiben' umziehen und der heruntergekommene zentrale Einkaufsladen einem mehrschichtigen Komplex mit Einkauf gewerblichen Betrieben, Service-Einrichtungen weichen, ähnlich einem realisierten Projekt von uns an der Landsberger Allee in Berlin Lichtenberg bei dem es die gleichen Grundabmessungen gibt, weil die Plattensiedlung die gleichen Gebäude-Abstände hat.

Entlang des Babelsberger Parkes führt seit jeher die Mühlenstraße. Unserer Vorstellung nach sollte sie unter der Schnellstraße als Spazier- und Fahrradweg über das Herz des neuen Zentrum Ost mit Hafen und Einkauf mit Brücken über Nuthe und Havel durch die Parklandschaft zum Hauptbahnhof und der historischen Mitte geführt werden, während die Nuthe auf ganze Länge renaturiert und ebenfalls von Spazierwegen und Grünanlagen begleitet sein sollte. Potsdams Gartenkultur sollte zwischen den Häuserblöcken einsickern und so auf der Haupterlebnisebene dem ökologischen Ausgleich dienen und das vorhandene bodenverdichtete Plateau überspielen.

Für das anschließende Babelsberg enthält unser Plan Stadtergänzungen, Gewerbehöfe und Wohnhäuser - Einzelbausteine, die teilweise inzwischen fertiggestellt sind. Die Umbauung des aufgelassenen Gasometers blieb aber bis heute Idee, - eine Stadtlandschaft zwischen Nowawes und Zentrum Ost, die Urbanität nicht aus steinerner Verdichtung sondern aus Erlebnisdichte im verbindenen Garten wahrnehmen läßt. Realisiert wurden auch 500 m der langen Häuserkette mit Hofgärten von ursprünglich 1000 m, um die Autobahn beidseitig abzuschirmen für Ruhe im Quartier, und gegenüber der Schnellstraße mit einer Schallschutzabsorbtionsfassade, die annähernd keine Reflektion hat, also auch nicht in den Park hinein Schallemissionen der Autobahn abstrahlt.

Spaziert man heute an der 'Nutheschlange' entlang, schaut auf 4.000 qm Teich mit Fischen und Fontainen und auf die Stege der Anglerhäuser so vergißt man nicht nur, daß die Autobahn nur 25 m entfernt ist, man sieht die Hochhäuser vor dem gärtnerischen Vordergrund sich im Wasser spiegeln, die Fontainen der Wasseraufbereitung plätschern - im Grunde sind alle Bausteine für das Siedlungsgebiet sichtbar. Zöge sich das Ambiente in gleicher Qualität durch die ganze Plattensiedlung wäre ein neuer Raum entstanden und ein neuer Umgang mit dem rohen Zeilenbau der bei seiner Entstehung in den 20 iger Jahren immerhin vom Garten umgeben gedacht war.

Romantisches Gedankengut könnte die angebliche Wirtschaftlichkeits-realität relativieren. Aber nicht an den Kosten wurde die Entwicklung gebremst, denn im Zentrum Ost ist sichtbar sehr viel Geld ausgegeben worden, aber eben dafür, daß alles so bleibt - nur in modisch farbigem Gewand, aber die Neubauten durften dem neuen Stadtraumkonzept folgen.

Die großen geplanten Grünraumzusammenhänge werden auf ihre Interpretation noch warten müssen, das tun sie schon 200 Jahre, aber Biotope City braucht Bewußtseinsentwicklung und Anschauungs-modelle für den ökologischen Ausgleich in der Stadt. Ein solches Modell zeigt die 'Insel Potsdam schon 200 Jahre, es dokumentiert, daß aus Sandhügeln Grünraum entstehen kann und im vorliegenden Teilprojekt, daß Verkehrsgrün und Stellplätze an der Autobahn Stadtraum werden als Vision des geistigen Konzeptes der "Verschönerung" , wie es damals hieß, 1830.

Vom Erhabenen über das harmonisch und inhaltlich Ausgeglichene das praktikable, bezahlbare, eben allumfassend Schöne kann die Stadtlandschaft verstanden werden, jenes Schöne, das wir sehr viel bescheidener als Kant und Goethe ökologischen Ausgleich nennen oder auch nur Nachhaltigkeit. (siehe Kant erschienen 1764: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen und Kritik der Urteilskraft)

Zentrum Ost sollte nach unserer Vorstellung Gedanken des unmittelbar benachbarten preußischen Arkadiens in die aktuelle Siedlungs-Wirklichkeit transferieren, um über eine geistige Verwandtschaft die unüberbrückbare Autobahn-Schneise zu überwinden.

 

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