H.+D. Baller
Gartenparadies Potsdam Nuthesiedlung
Kapitel 2
Im Licht zweier Gartenpoeten
2.1
Hermann Fürst Pückler
Pücklers schwarzer See in Babelsberg dunkel umgeben von hohen Bäumen, der große See und seine komponierten Bezüge auf jede Ebene des beherrschenden Flatowturmes spielen immer mit dem Kontrast zur Helligkeit in der feuchten Nutheniederung gegen Süden und der Havel mit den Blickachsen auf ferne Hügel und die Potsdamsilhouette. Es sind Elemente einer Dramaturgie, die schon sein Werk in Muskau und später in Branitz in der Wegeführung den Ausblicken und Bezügen zu den Bauwerken besonders heraushebt - als geistiges Konzept, Umwelt bedeutungsvoll zu machen. Nicht Blütenpracht und Repräsentation sondern tiefere Bedeutung der Orte formen die Bildwege, einem Film vergleichbar im 20 sec. Takt. Enge Begrenzung der artifiziellen Gestaltung steht natürlich erscheinendem Landschaftsraum gegenüber. 1834 wurde mit Schloß Babelsberg begonnen, dem Jahr der Herausgabe von Pücklers ?Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" (Stuttgart 1834) ein Zitat zur Gestaltung der Wege:
"Denn was nützt mir am Ende ein Park, der mir nur ewig dasselbe Bild von wenigen Punkten aus darbietet, und wo mich nirgends, sozusagen eine unsichtbare Hand, auf die schönsten Stellen hinführt, mich das Ganze kennen und verstehen lehrt, ohne mir die Möglichkeit zu rauben, dies auch behaglich und mit Bequemlichkeit tun zu können. Dies aber ist der Zweck der Wege, ................ Wege sind die stummen Führer des Spazierengehenden und müssen selbst dazu dienen, ihn ohne Zwang jeden Genuß auffinden zu lassen, den die Gegend bieten kann."
Wege, nicht 'Erschließung' können auch unsere Siedlung öffnen - nicht voreinander einsichtig sondern für Überraschung und Orientierung sollten Wege zugleich als Hauptelement des organischen Zusammenhaltens wirken - als ?stumme Führer" im weitesten Sinne. Pückler schreibt im gleichen Werk
"Manche Ultra-Liberalen werden vielleich über einen solchen Gedanken (der Park als sinniges Bild des Lebens ..........) lächeln, aber jede Form menschlicher Ausbildung ist ehrenwert, und eben weil die hier in Rede stehende sich vielleicht ihrem Ende naht, fängt sie wieder an, ein allgemeines, poetisches und romantisches Interesse zu gewinnen, daß man bis jetzt Fabriken, Maschinen und selbst Constitutionen noch schwer abgewinnen kann -"
Unsere Hinwendung fast 200 Jahre später auf ökologische Zusammenhänge und organische Ursprünge könnte Zeichen dafür sein, daß gerade diese von Zerstörung gefährdet sind in einer zunehmend virtuellen Welt - so wie damals Maschinen und Fabriken in das Bewußtsein eingebrochen sind.
Rousseau, Jean-Jacques: Œuvres complète Bd. 1,S.162.
" Nie habe ich soviel gedacht, gelebt bin nie sozusagen ganz Ich gewesen wie auf den Reisen, die ich allein zu Fuß gemacht habe. Das Gehen hat etwas, das meine Gedanken anregt und belebt, ich kann, wenn ich an einem Ort bleibe, beinahe nicht denken. Der Anblick einer Landschaft, die Folge reizvoller Bilder, die freie Luft, das Gefühl von Gesundheit, das ich beim Gehen bekomme, die Freiheit von allem, was mich Abhängigkeit fühlen läßt, das alles gibt mir größere Kühnheit der Gedanken, wirft mich sozusagen in die Unermeßlichkeit der Dinge, um sie mir ohne Zwang und Furcht nach Belieben anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur."
Jean-Jacques Rousseau kannte den Park in Wörlitz des Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt Dessau, der seit 1771 als erster Landschaftspark in Deutschland Aufsehen erregte und Bewunderung von Goethe und Wilhelm von Humboldt nicht zuletzt, weil mit ihm pädagogische und freiheitliche Ziele einhergingen für eine Weltordnung im Sinne Rousseau's. 70 Jahre später sagt Friedrich Wilhelm IV 1840 kurz nach seiner Amtsübernahme zu seinem Gartendirektor Lenné.
" Der Herzog von Dessau, ..... hat aus seinem Land einen ..... Garten gemacht ..... Dazu ist mein Land zu groß. Aber aus der Umgebung von Berlin und Potsdam könnte ich nach und nach einen Garten machen; ich kann vielleicht noch zwanzig Jahre leben, in einem solchen Zeitraum kann man schon etwas vor sich bringen. Entwerfen Sie mir einen Plan!"
Zwischen beiden Daten lag ein beschwerlicher Weg für das neue Gartenbewußtsein.
Der Vater Friedrich Wilhelm III wird eher amusisch und sparsam bis knauserig geschildert, aber nicht zuletzt dank seiner berühmten Königin Luise wurde er zum Gründer der Universität Berlin und Bonn und hat mit seinen Baumeistern Schinkel und Langhans ein gewaltiges Bauvolumen bewirkt und entsprechende Freiheiten ermöglicht für die Baukunst dieser Epoche, die Havelufer und Teile von Potsdam.
2.2
Gartendirektor Peter Joseph Lenné
Dazu gehört auch der Gartenpoet Peter Joseph Lenné, der 1816 mit 27 Jahren in das königliche Gartendepartement berufen wurde zunächst als Gehilfe, schon 1824 als Gartendirektor. Vermittelt wurde er vom Oberlandforstmeister des Königs, Georg Ludwig Hartwig, einem hervorragenden süddeutschen Forstfachmann, der anläßlich einer Inspektionsreise durch die seit dem Wiener Kongress neu zu Preußen gehörende Rheinprovinz, den Brühler Hofgärtner Weyhe und dessen Schwager, den Koblenzer Gartendirektor Lenné kennenlernte und auf dessen hochbegabten Sohn Peter Joseph Lenné aufmerksam wurde. Der junge Lenné hatte über seinen Vater eine Hofgärtnerlehre in Brühl und ein Studium in Paris hinter sich bei dem Botaniker André Thouin ( Mitglied der Akadémie des Sciences) und dessen Bruder Gabriel, erfolgreicher Gartenarchitekt in der neuen Richtung Jardins romantique, d.h. Englische Schule. Im Anschluß war er in Wien beim Hofgärtner Joseph Boos in Schönbrunn, der ihn für die Planung Schloß Laxenburg empfahl. Sein berühmter Plan war fast 2 x 3 m - eine Vorbereitung auf Sanssouci. Er erhielt den Titel kaiserlicher Garteningenieur.
Eine kurze Zwischentätigkeit vorher bei Sckell in München beim Englischen Garten wird angenommen, sodaß der junge Lenné in allen europäischen Gartenkünsten und in französischer Botanik perfekt vorbereitet seine Tätigkeit in Sanssouci und auf der Pfaueninsel, im Neuen Garten, Glienicke und eben Babelsberg aufnehmen konnte.
König Friedrich Wilhelm III hatte auf der Pfaueninsel sein Lieblingsprojekt mit 850 Tieren und erlesenen Pflanzen, später einem großen Gewächshaus mit Palmen, nur die Ordnung fehlte. Dies war umso mißlicher, als nach dem Wunsch des Königs der Park nicht nur der königlichen Familie, sondern gleichzeitig auch als Volkspark dienen sollte. Lenné konnte alle seine Fähigkeiten ausbreiten und seine französische Gartenwissenschaft, sogar seine Verbindung bis Paris zur Pflanzenbeschaffung. 1828 erzählt Theodor Fontane in seinen 'Wanderungen, ".....ward auch eine reizende, alle Tierarten umfassende Menagerie erworben. Sie wurde hier wie von selbst zu einem zoologischen Garten, da Lenné, feinen Sinnes und verständnisvoll, von Anfang an bemüht gewesen war, den einzelnen Käfigen und Tiergruppen immer die passendste landschaftliche Umgebung zu geben", und an anderer Stelle: "Ein rätselvolles Eiland, eine Oase, ein Blumenteppich inmitten der Mark."
Selbst eine 250 Jahre alte Chamaerops humilis - eine Hanfpalme - gehört zu den 42 Palmen im grandiosen Palmenhaus, hier konnte der Botaniker Lenné schwelgen. Das gegenüberliegende teilweise steile sandige Havelufer verwandelte sich Stück um Stück in eine Parklandschaft mit Gebäudeakzenten. Das russische Blockhaus Nikolskoe, genannt nach dem Schwiegersohn des Königs und späteren Zaren, Stüler's Kirche Peter und Paul, Schloß Glienicke, Kleinglienicke und schließlich der Babelsberg sollten die Bausteine werden, die heute wieder erstrahlen. In Sanssouci konnte der König für seinen architektonisch künstlerisch begabten Kronprinzen Friedrich Wilhelm Charlottenhof erwerben. Schinkel, Lenné und Friedrich Wilhelm schufen hier das Ideenmodell des preußischen Arkadiens Siam, das Land der Freien.
Durch seinen Erzieher Delbrück war der Kronprinz in die Gedankenwelt von Rousseau eingeführt. Königin Luise, seine viel zu früh verstorbene Mutter und natürlich, vieles aus der Literatur der Zeit werden vom hochsensiblen 1840 zum König Friedrich Wilhlelm IV gekrönten in das Projekt eingebracht und von Lenné und Schinkel immer wieder verändert und künstlerisch überhöht und schließlich in die Form geführt, die wir heute bewundern. Bauleitung hatte kein geringerer als Persius inne. Dies war eine einmalige Zukunfts-Werkstatt. Ohne sie wären die großen Ideen Tiergarten in Berlin und die Schmuck- und Grünzüge von Berlin und nächster Umgebung (bereits 1849) die Kreuzberger Stadtplanung vom Luiesenstädtischen Kanal und vieles andere nicht denkbar. Zeitlebens haben der König, sein Architekt und sein Gartendirektor eine Sprache gefunden, die hier im 'Siam' wie der König sein Refugium Charlottenhof ausschließlich nannte begründet wurde.
Der Kronprinz hatte sein Siam, Prinz Karl Kleinglienicke und anläßlich eines Geburtstagsfestes des alten Monarchen am 3. August 1828 im Hause seines Sohnes Prinz Karl in Kleinglienicke bei dem auch Lenné anwesend war, was seit Königin Luise grundsätzlich für Bürgerliche auch im engsten Familienkreis möglich war, schaute man gemeinsam aus dem Fenster auf das Nachbargrunstück, den Babelsberg und es entstand sicher nicht zufällig der Gedanke den König zu gewinnen für seinen 2. Sohn Prinz Wilhelm den Babelsberg zu erwerben, zumal dieser vor der Eheschließung stand.
Im Inventar der Bau- und Kunstdenkmäler in der Provinz Brandenburg von 1885 lesen wir:
"Der Prinz äußerte anfänglich seine Bedenken gegen diese sandigen Bergabhänge, entschloß sich aber, als er nach einigen Tagen mit Lenné den Babelsberg umritten hatte, von der schönen Aussicht begeistert, zum Ankauf dieses Berges und beauftragte schon im folgenden Jahre - wie wir hinzufügen möchten: wen anders als - Schinkel mit der Herstellung eines Plans zu einem Schlosse im englisch-gotischen Stil."
Die Bedenken des Prinzen sollten sich als nicht unbegründet erweisen. Zunächst mußte der Park begonnen werden, ohne daß Bauherrr und Architekt sich einig waren. Schließlich konnte Schinkel beginnen aber die Bauherrin Augusta verlangte Änderungen über Änderungen. Am Ende warf Schinkel das Handtuch und nur noch Persius war mit veränderter Planung mit dem Schloß befaßt und nach 10 Jahren Arbeit am Park stellt sich in Trockenperioden an den Sandhängen katastrophaler Schaden ein, für eine Bewässerungsanlage fehlte Geld und der Zuschnitt der Haupt-pflanzflächen um das Schloß erweist sich als zu groß für die Pflege. Schon in einem erhaltenen Brief des Prinzen Wilhelm an seine Augusta kurz nach Beginn der Arbeit vom 14. November 1833 schrieb er: "doch scheint nun Lenné zuviel Bosquets auf dem Bottom green anlegen zu wollen".
Der Gartendirektor durchaus auf preußische Sparsamkeit eingestellt hatte den Prinzen oder genauer dessen Frau Prinzessin Augusta in seiner Planung viel zu repräsentativ eingeschätzt und übersehen, daß sein Gartendepartement gelegentliche Bewässerungsprobleme leichter lösen konnte als der private Landherr. Jedenfalls wandte man sich an Fürst Pückler, der im Nachbargrundstück bei Prinz Karl schon ausgeholfen hatte, denn dessen Eigentumsvorgänger der Kanzler Hardenberg war schließlich Schwiegervater von Pückler. Von Pückler ist 'Promemoria' mit Datum 06.03.1842 erhalten, die eine vernichtende Kritik an der Parkarbeit der letzten 10 Jahre in Babelsberg beinhalten, offensichtlich nach einem ausführlichen Besuch vor Ort und Gesprächen mit den Bauherren verfaßt :
"Das Prinzip, welches in der Hauptanortnung der dortigen Anlagen bisher befolgt worden ist, finde ich der Lokalität nicht angemessen. Man hat die ganze Besitzung wie einen großen Pleasureground behandelt, was in dieser Ausdehnung, selbst bei dem besten Boden und der üppigsten Fruchtbarkeit, mir schon nicht passend scheinen würde, weil es eine viel zu große Monotonie hervorbringt."
"Die Veränderung, welche ich am Schloßbau für wünschenswert erachte (da bei einer landschaftlichen Anlage Architekt und Gärtner stets Hand in Hand gehen müssen), sowie die Nothwendigkeit der Beseitigung des unförmigen Kiesplatzes, der so ungrazieus immediat vor den Gemächern Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin liegt ... und ... von Ew. Königlichen Hoheit jedesmal überschritten werden müßte um in den Blumengarten zu gelangen - habe ich Höchstdenselben bereits vorgetragen und ihre gnädige Zustimmung dazu erhalten, indem ich daher nur von dem Grundsatz ... ausging, daß das erste Bedürfnis bei einer Wohnung Bequemlichkeit und was die Engländer >privacy<, nennen ... sey, hier aber auch Schmuck und Eleganz unendlich dadurch gewinnen müssen, wenn dies Projekt nach der von mir angedeuteten, vom Herrn Baurath Persius aber sogleich mit künstlerischer Genialität erfaßten und demnach entworfenen, Skizze ausgeführt wird."
Zwei weitere Zitate aus der "Unterthänigsten Promemoria":
"Ebenso scheinen EW. Königliche Hohet damit einverstanden, daß man die Idee, das Ganze wie einen Pleasureground zu behandeln, als dem Local ganz unangemessen, abgegangen werde, im Gegentheil das Gros der Anlage nur als einen natürlliche 'forestscenerie' sich darstellen solle, mit abwechselnden Effecten und möglichst üppigen Baumwuchs, wozu das beste Mittel sein würde, jetzt vorläufig den größten Teil des Terrains dicht zuzuzpflanzen, wodurch der Boden in wenigen Jahren am sichersten verbessert wird (besonders wenn man das Laub nicht herausharkt) so daß man nachher in späterer Zeit mit Leichtigkeit und in wenigen Wochen durch bloßes Wegnehmen, Abhauen oder Aufputzen der unterdeß erwachsenen Bäume die verschiedensten Bilder hervorbringen kann ..."
- "Blumengärten und Pleasureground sollten nach diesem Plane auf einen nur kleineren Raum beschränkt, dafür aber desto reicher geschmückt und in unmittelbarer Verbindung mit den Wohnzimmern, gleich sorgfältig mit diesen gehalten, und täglich aufgeräumt und gereinigt, gleichsam nur eine Fortsetzung derselben unter freiem Himmerl bilden ..."-
Lenné's südländisches Arkadien der Pfaueninsel und noch mehr im neuen Garten, Charlottenhof und Sanssouci geriet am rauhen Babelsberg an seine Grenzen, auch wenn die Biographen dem eleganten Fürsten und Casanova gegenüber Augusta seinen großen Einfluß zuschreiben. Pückler hatte zu diesem Zeitpunkt Muskau fast vollendet und stand auf der Höhe seines Erfolges. Er entwickelte sein Raumkonzept natürlich auf der Basis Lenné's, das er vorfand, aber es entstand ein nordisches fast schwermütiges Raumkunstwerk, auf das Wesentliche reduziert, außerordentlich Komplex in der Gedankenvielfalt - ein Spätwerk. Eine Poesie ganz anderer Klangfarbe, als sie die Pfaueninsel von Lenné austrahlt, zwei Poeten an deren Licht keiner vorbeikommt, der in diesem Raum sich anschickt zu bauen.
Schaut man von der Pfaueninsel über Glienicke und Babelsberg bis nach Potsdam zur Freundschaftsinsel und versucht die Klangscenerie in die Form der spätklassischen Synphonie zu übertragen, so kommt Lené mit Pfaueninsel und Glienicke der Hauptsatz zu mit Haupt- und Seitenthema mit Durchführung und Reprise, dem Babelsberger Park der schwermütige Mittelsatz mit eingestreuten Lichtpunkten. Wir haben uns bemüht in diesem Klangensemble unter Einbeziehung der Autobahn das Scerzo zu finden, wie wir es im folgenden darstellen möchten und das Finale zum Schloß und der Freundschaftsinsel bleibt unvollendet.