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Paris auf dem Weg nach Burghausen...
Begrünte Wände als offizielle Strategie der Stadt Paris

Marieluise Neuhaus

Hier wo die Salzach einen Bogen beschreibt, verbindet eine Brücke Österreich und Deutschland. Auf der österreichischen Seite Wälder, Wiesen, Felder und Dörfer (Salzburg ist 50 km weit entfernt), am andern Ufer des Flusses die Stadt Burghausen, erstmals erwähnt im Jahre 1025 als Reichshof der bayrischen Herzöge. Die Altstadt liegt am Fuße des Burgbergs, auf dem sich Europas längste Burg über 1043 m hinzieht. Entlang dieses beeindruckenden Bauwerks – aber auch in der Neustadt – sehr gelungene, einfallsreiche Grünanlagen, von denen einige ihr Dasein der Landesgartenschau verdanken, welche hier vor drei Jahren stattfand. Bei einem Spaziergang in der Altstadt, die liebenswerten bayrischen Barock herzeigen kann, entdecke ich mindestens zwanzig begrünte Wände, eine besonders schöne in einer Gasse, in die man durch eine kleine Passage gelangt. Überhaupt gibt es in dieser Stadt Grün en masse, Bäume, Bäume und nochmals Bäume, Büsche, Hecken, Sträucher, Gras, öffentliche und private Gärten, Blumen ebenfalls en masse, auch ganz ausgefallene, noch nie von mir gesehene.

Am Abend erzähle ich einer Burghausenerin begeistert von meinen Eindrücken und vor allem von den begrünten Wänden, welche sich hier offenbar von selbst verstehen, was begreiflicherweise in einer Großstadt wie Paris nicht der Fall ist. Ja, ja, sagt meine Bekannte, schön sind die schon, aber manchmal setzen die Pflanzen dem Stein so zu, dass man sie entfernen muss. Tuffstein zum Beispiel und Kletterpflanzen vertragen sich ganz und gar nicht.

Nun geht das offensichtlich auch ohne Gefahr: Das völkerkundliche Museum am Quai Branly, das 2006 als Neubau an der Seine eröffnet wurde, weist eine große lange Straßenfront auf vertikal, begrünt von dem weltweit bekannten französischen Biologen Patrick Blanc. BIOTOPE CITY JOURNAL  hat den Meister interviewt. Sein Geheimnis ist eine raffinierte technische Konstruktion mit gewissermaßen einer zweiten Außenhaut, die die Pflanzen beherbergt und gleichzeitig das Gebäude schützt.
Offensichtlich hat die „Direction des Parcs, Jardins et Espaces Verts“, die in Paris seit kurzem begrünte Wände propagiert, an die Pflanzenempfindlichkeit mancher Baumaterialien gedacht, und zur Gefahrenvermeidung eine praktische Lösung bedacht: Ein Beratungsbüro für alle Fragen, die mit vertikaler Begrünung zusammenhängen, das von den Parisern in Anspruch genommen werden kann.
Gehen wir aber erst einmal einen Schritt zurück.

Auf der Ausstellung, die vom 25. Mai bis zum 1. Juli 2007 vor und im Pariser Rathaus unter dem Motto „Jardins demain“ stattgefunden hat, bekamen die Besucher einen Prospekt in die Hand gedrückt, worin die Einwohner von Paris angehalten wurden, ihre Hauswände zu begrünen. Und das ...auf Kosten der Stadt! Unter anderem konnte man da lesen:

„Die Begrünung von Wänden wurde manchmal mit Reserve betrachtet, aber heute existieren verschiedene Methoden, sie zu begrünen ohne sie zu beschädigen, indem man der Art und den Besonderheiten der Situation Rechnung trägt.“

Die schon bekannten Möglichkeiten werden vorgeschlagen; also Kletterpflanzen, die sich an der Wand oder an gespannten Drähten hochranken, für Hängepflanzen an der Hauswand angebrachte Blumenkästen oder eben die bereits erwähnte Patrick-Blanc-Lösung.

Das Projekt, welches unter dem Motto „Begrünte Wände in Paris – ein Naturwinkel ganz in Ihrer Nähe“ steht, wird dann auch gleich mit einer Aufzählung der guten Gründe, solche ‚Naturwinkel’ zu fördern, vorgestellt.

Neben den ästhetischen Gesichtspunkten werden besonders die umweltfreundlichen hervorgehoben. „Die begrünten Wände“, heißt es, „tragen zur Verwirklichung einer biologischen Kontinuität und zur Verbesserung der Biodiversität von Flora und Fauna bei. Sie weisen mehrere Vorteile auf wie z.B.:

  1. die Wärmeregulierung des Gebäudes durch die Bildung einer isolierenden Luftschicht, welche die übermässige Steigerung der Temperatur verhindert,
  2. den Schutz und die Ventilation der Fassade durch einen natürlichen Schutzwall gegen ultraviolette Strahlen und starke Regenfälle,
  3. die Speicherung des Regenwassers durch das Laubwerk, was einen natürlichen Kühlungseffekt bewirkt.“

Natürlich inszeniert die Stadt Paris die Begrünung der Wände nicht so ohne weiteres. Jedes Einzelprojekt muss vom Hausbesitzer oder von der Hausgemeinschaft der Wohnungseigentümer vorgeschlagen werden. Fachleute prüfen den Zustand der Wand, die von der Strasse aus sichtbar mindestens 3 Meter breit sein muss und weder Reklame noch übergrosse Fenster aufweisen soll - und noch einiges andere mehr. Damit nicht später Rechtsprobleme auftreten, wird auch dieser Aspekt bis ins kleinste Detail überprüft. Wenn alle Hürden glücklich überwunden sind, übernimmt dann die Stadt die Bepflanzung und die Pflege (Bewässerung, Schneiden, Neupflanzung) und sorgt dafür, dass Regenrinnen und Dächer nicht überwuchert werden.

BIOTOPE CITY hat die Absicht, das Pariser Begrünungsvorhaben im Auge zu behalten und im nächsten Jahr über die Anfangsphase seiner Umsetzung in die Wirklichkeit zu berichten.
Donc: A bientôt

Fotos: Michaela Resch