Historie und positive Wirkungen von Fassadenbegrünungen
Manfred Köhler
Praesident des World Greenroof Infrastructure Network
1. Einleitung
Gebäudefassaden prägen das Stadtbild der Städte. Zieht man die Fensterflächen ab, dann entspricht die verbleibende begrünbare Fläche in innerstädtischen Wohngebieten etwa der Grundfläche der Bebauung (Bartfelder u. Köhler, 1987). Bei glasdominierten Hochhäusern wird die Fassadengestaltung zu einer sommerlichen Wärmefalle. Moderne Gebäude können bis zu 80% aus Glas bestehen. Derartige Glaskästen in „Green buildings“ zu verwandeln ist eine neue Herausforderung, die jetzt erst aufgegriffen wird etwa von Aboulnaga (2006), nachdem sich Kritik
an derartigen Bauformen weit verbreitet hat. Umfragen, etwa durch Paul & Taylor (2008) belegen, dass die negativen Meinungen zu zentral klimatisierten Räumen noch überwiegen. Die ausgeklügelten Klimatisierungen funktionieren nur in den wenigsten Fällen. Es wird als zentraler Nachteil empfunden, wenn die Fenster nicht durch die Raumnutzer zu öffnen sind. In Zeiten hoher Energiekosten wird damit nicht mehr das Heizen zur Kostenfalle, sondern die zunehmenden Kosten für die Gebäudekühlung. Das Problembewusstsein steht in Mitteleuropa noch am Anfang.
Begrünte Fassaden könnten eine Alternative darstellen. Diese Technik ist im Grunde so alt wie die Bebauung selbst (Köhler et al., 1993). Es gibt nur wenige Fassaden die aus Denkmalschutzgründen unbegrünt bleiben sollten, der Kölner Dome wäre ein Beispiel hierfür. Es fällt leicht eine Liste von Gebäuden anzulegen, die für die Begrünung im Gegenzug dazu äußerst geeignet sind. Brandmauern, schlichte Wohnhausfassaden, Gewerbegebäude und Produktionshallen sowie im Sinne von pflanzlicher Umrahmen auch alle höherwertigen Baukörper wie Villen und Rathäuser. Es ist allerdings planerisch zu empfehlen, für jedes Gebäude eine angepasste Lösung zu entwickeln. Das bloße Verstecken des Gebäudes hinter einem
Pflanzenpelz ist wohl nur in wenigen Fällen die richtige Lösung.
Warum sollte es getan werden? Vegetation an Gebäuden kann aus vielfältigen Gründen gepflanzt werden, der Nutzungsaspekt stand in den frühen Jahren im Vordergrund, mit Wein und Spalierobst. In den letzten Jahrzehnten war in Deutschland das Wort „Wohnumfeldverbesserung“ das Schlüsselwort. Biodiversität in die Stadt zurückholen wäre aktuell die passende Formulierung. Im englischsprachigen Raum nennen die Vordenker begrünter Architektur die Gebäudebegrünung „sustainable oder biophilic Architecture” (Kellert u. Wilson 1994, Kellert 2005). Der Begriff „Green Architecture“ ist im angloamerikanischen weiter gefasst, er folgt etwa den Kriterien des „Leeds“ System, einem Bewertungsrahmen aller Umweltmaßnahmen, die an Gebäuden durchgeführt werden. Die eigentliche Begrünung nimmt dort nur einen kleinen Teil ein.
Die Nordamerikaner sehen aber mit Interesse auf den Promotor grüner Architektur in Europa, „Hundertwasser” ist auch dort ein bekannter Künstler, der für die “Grüne Architektur” insgesamt hilfreich ist. Es ist eine lohnenden Aufgabe für Planer, aus diesen Ideen realisierungsfähige Lösungen zu entwickeln. Ende der 1970er Jahre wurden diese Ideen vielfältig in Modellvorhaben erprobt.
Sehr hilfreich waren Förderprogramme, die in den 1980er Jahren in nahezu allen deutschen Großstädten aufgelegt wurden. Fassadenbegrünungen waren in Selbsthilfe relativ einfach zu realisieren. So entstand mit einer geringen finanziellen Förderung, die sich meist auf die Anschaffung der Pflanzen beschränkte
allein in Berlin zwischen 1983 and 1997 etwa 245.584m2 begrünte Fassaden. (Köhler u Schmidt 1997). Diese fallen im Stadtgebiet allerdings gar nicht so stark auf, da diese sich meist in den Hinterhöfen befinden. Die Programme sind beendet, die Anzahl der begrünten Fassaden liegt aber, wenn überhaupt im 1-2% Bereich. Nur durch nennenswerte Mengen an Fassadenbegrünungen sind ökologische Effekte zu erzielen. Nur durch eine größere Anzahl von Begrünungen kann von Trittsteinbiotopen im Sinne der Biodiversitätssteigerung gesprochen werden. Im Sinne von individueller Fassadengestaltung mit ausgewählten blühfreudigen Gartenarten ist ebenfalls bisher wenig in den meisten Städten zu sehen.
Definitionen:
Im deutschsprachigen Gebiet wird unter Fassadenbegrünung vor allen die Verwendung von Kletterpflanzen beschrieben. Die FLL – Richtlinie Fassadenbegrünung verfeintert dann im Weiteren nach Klettermodi. Im englischsprachigen Raum wird der Begriff „Living wall verwendet“, der weitere
Begrünungen umfasst. Nachfolgend die 3 Begrünungsbegriffe:
Es handelt sich um Trockenmauern als Feldabgrenzung aber auch um bewachsene massive Befestigungsmauer oder die Fassaden von Burgen die mit einer Vielzahl von Mosen, Flechten, zahlreichen buntblühenden Kräutern, etwa Habichtskräutern oder Glockenblumen bewachsen sein können. Gehölze in diesen Strukturen deuten dann eher beginnende Bauschäden and. Es gibt ein älteres Buch zu diesen Begrünungen, die punktuell unter Schutz gestellt werden, in der Regel im Rahmen von unsachgemäßer Pflege regelmäßig bekämpft werden (Darlington 1981). Das landschaftsarchitektonische Potential dieser Art der Begrünung ist noch lange nicht ausgeschöpft, es setzt aber in der Regel massive Bauwerke voraus und
ist damit eher als kostenträchtig und nur für kleine Flächen anzusehen.
Fassadenbegrünung: In Mitteleuropa ist damit die Begrünung unterschiedlicher Bauwerke durch Kletterplanzen gemeint. Die FLL – Richtlinie Fassadenbegrünung liefert hierfür Definitionen. Verholzende Direktbegrünung ist der Standardfall, nicht verholzende Kletterpflanzen die gärtnerische Lösung für meist kleinflächige decorative Lösungen. Die Verwendung von an Fassaden montierten
Pflanzgefäßen ist eher die Ausnahme. In jedem Fall ist der Auswahl der richtigen
Kletterhilfen hinsichtlich Maschenweite und Materialwahl eine große Aufmerksamkeit zu schenken.
Hierfür gibt es gar kein deutsches Wort “Living walls” abgekürzt LW, klingt schon fast deutsch. Lebende Wände suggeriert falsche Vorstellungen, Bewachsene Wände sind die vorangegangen Systeme ebenfalls. Es handelt sich um Pflanzbehälter, Poröse Platten, auf denen sich Vegetation halten kann oder mit Substrat gefüllte Mauern, die als Lärmschutzwände in Deutschland eine weite Verbreitung erfahren
haben. Sie können an Außenfassaden montiert werden und müssen gärtnerisch aufwändig gepflegt werden. Problematisch kann die Winterruhe in mitteleuropäischen Klimalagen sein, in denen diese Systeme nur mit immergrünen Pflanzen einen optisch guten Eindruck liefern. Bisher besteht in der Vorstellung der meisten Gärtner noch die Vorstellung, dass begrünte Fassaden relativ pflegearm sind, das gilt für diese Systeme nicht. Es sind gärtnerische Herausforderungen mit Wechselbepflanzungen, zu denen es noch zu wenig Erfahrungen gibt. In dieser Technik steckt aber ein großes Potential, weil nur wenig Grundfläche benötigt wird. Farne und Efeu könnten hier dauerhafte Bepflanzungen sein, die allerdings in ihrer Wüchsigkeit regelmäßig kontrolliert werden sollten. Hier fehlt noch eine FLL- Richtlinie. Diese Systeme können auch für die Innenraumbegrünung entwickelt
wurden. Mit entsprechender Belichtung und Pflege sind hier in Gebäuden Hingucker
möglicherweise zu entwickeln. Bei der Innenraumbegrünung ist ein großes Potential an Pflanzen möglich.
2. Literaturauswertung Fassadenbegrünung
Die Literaturauswertung zur Fassadenbegrünung seit etwa 1900 umfasste etwa 300 Titel (Köhler, 1993). Aktuell ist diese Literatursammlung auf über 1000 Titel angewachsen. Die meisten dieser Arbeiten umfassen Objektbeispiele, besondere Sorten oder Züchtungen.
Fassadenbegrünung in der Architektur – ein Rückblick
Die Geschichte der Fassadenbegrünung lässt sich von der schon erwähnten Verbreitung während der Antike in Kleinasien und dem Mittelmeerraum weiter nach Europa verfolgten. In den Burgen und Städten des Mittelalters galten Wein und Spalierobst als ein Luxus, der sehr wohl von den Gärtnern gehegt wurde. Rosengärten und bewachsene Lauben und Pergolen schufen auch in kleinen Höfen intime Räume. Spalierobst und Glashäuser mit den entsprechenden südländischen
Gewächsen erhoben die Gärtner zu wichtigen Persönlichkeiten des höfischen Lebens, die sehr zum Ansehen des entsprechenden Herrschers beitrugen.
Was den Herrschern Recht war, fand sich auch bei Cottagegärten oder in der traditionellen dörflichen Begrünung mit Abstrichen wider.
Während der Industrialisierung verbesserte dekorative Fassadenbegrünung die optische Qualität von Villen, später auch von Reformbauten um 1920. Damalige Literatur ist in der Gartenbaubibliothek Berlins mit etwa 150 Zitaten belegt und online abrufbar http://www.garden- cult.de und dokumentiert die Entwicklung etwa die Phase 1880 bis 1940. Im Mittelpunkt standen neue und dekorative Züchtungen für die Verschönerung der Wohngebäude des aufstrebenden Mittelstandes. Mit nur wenige Bemerkungen wird die einfache Möglichkeit gestreift, mit Selbstkletteren wie Efeu und Wildem Wein Brandwände zu verschönern. Diese Pflanzen wurden
beliebt an schlichter gestalteten Wohnhäusern der Wohnungsgenossenschaften. Eine ganze Anzahl an Begrünungsprojekten dieser Zeit hat in Berlin bis heute überdauert.
Die ökologischen Wirkungen von Fassadenbegrünungen sind vor allem in Deutschland bearbeitet worden. So lässt sich etwa eine Kette von Veröffentlichen aufzeigen, die sich mit der Staubfilterwirkung auf Efeublättern beschäftigte, diese begann mit der Veröffentlichung von Helbing (1973) führte über Bartfelder und Köhler 1997 und Thoennessen (2002) bis zu einer aktuellen Promotion über die
Staubbindung an Efeublättern an stark befahrenen Straßen aus den Niederlanden im Druck (Ottele, 2008).
Untersuchungen zur ökologischen Bedeutung von Kletterpflanzen
Ökologischen Untersuchungen an verholzenden Kletterpflanzen begannen in Berlin in den 1980er Jahren. Hedera helix (der typische wintergrüne Efeu) und Parthenocissus tricuspidata (Wilder Wein) waren die Untersuchungsobjekte, die über das ganze Stadtgebiet verbreitet sind und somit genügend Untersuchungssflächen zur Verfügung standen. Die nach dem zweiten Weltkrieg noch vorhandenen Altbestände dieser Pflanzen trugen schnell zum positiven Anblick in den sonst in den
Nachkriegsjahren grauen Hinterhöfen bei. Diese Pflanzen wurden von der in den in den 1980er Jahren aufkommenden Umweltbewegung als einfache Form, graue Fassaden zu verstecken, aufgegriffen.
Gemeinsames Bepflanzen von Hinterhöfen bekam neben dem ästhetischen Ansatz auch eine soziale Komponente. Das Feiern von Nachbarn in einem begrünten Hinterhof wurde der Ausgangspunkt für viele Begrünungsprojekte, die die zu einem Paradigmenwechsel in der Stadtsanierung vom Abriss zum Sanieren zur Folge hatte. Begrünte Fassaden wurden zu einem Symbol. Die Berliner Broschüre „Ist ihr Hof schon grün“ in ein Klassiker aus dieser Zeit.
Die Auswahl an einfachen Fassadenpflanzen ist allerdings klein, Wilder Wein ist in Deutschland die dominante Pflanze der begrünten Fassaden. Efeu ist in Wuchsgröße vergleichbar, ist hingegen vor allem bei vorgehängten hinterlüfteten Fassaden wegen der Tendenz, in Fugen hineinzuwachsen als problematisch anzusehen. So sind viele, zu groß gewordene Fassadenbegrünungen mit Efeu schließlich unter hohem Kosteneinsatz entfernt worden.
Blauregen (Wisteria sinensis), in Süddeutschland generell häufiger verbreitet als in
Norddeutschland, hat nach 1980 als Gerüstkletterpflanze vor allem bei Neubauten an Bedeutung gewonnen, ein kräftiger jährlicher Rückschnitt ist nicht nur für die Blühfreudigkeit, sondern auch zum Schutze der Fassadenbauteile erforderlich. Campsis radicans, eine auffällig orange oder gelb blühende beeindruckende Kletterpflanze ist im Berliner Klima nur an wenigen geschützten Südfassaden üppig entwickelt. In Süddeutschland und im Mittelmeergebiet ist es eine beeindruckende Kletterpflanze. (Koehler et al. 1993).
Eine zusammenfassende Übersicht zu den Vorteilen der Fassadenbegrünungen aus zahlreichen Forschungen ist in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt:
Vorteil / Argumente / Werte / Quellen:
- Auffälligkeit im Stadtgebiet
Eigene Erhebung in den 1980ern: Weniger als 5% aller
Gebäudefassaden (Beispiel Berlin) sind mit Fassadenbegrünung
ausgestattet. Riesiges Potential, bisher nicht genutztes Potential vorhanden (Köhler et al. 1993).
- Früchte von begrünten Fassaden
Eine der ältesten Techniken; Ausnutzung der Wärmespeicherung von Fassaden, um in weniger günstigen klimatischen Lagen noch Wein und Obst zu wachsen zu lassen. (Köhler et al. 1993).
Biomassezuwuchs
Viele ökologische Funktionen sind mit einem Mindestmaß an Vegetation verknüpft. Beispielsweise hat Wilder Wein einen Zuwuchs von: 23 t/ha x Jahr (Bartfelder u Köhler 1987, Köhler et al. 1993)
- Mengenmäßige Staubbindung
Modellrechnung für ein Berliner Innenstadtgebiet: Wären alle möglichen
Fassadenflächen mit Kletterpflanzen bewachsen, dann hätte etwa 4 %
des Jahresstaubniederschlags auf den Blättern gesammelt werden
können. (Immissionsdaten von Mitte der 1980er). Gleiches etwa auch mit
Straßenbäumen erreichbar. (Köhler et al. 1993). Anm. Seitdem haben sich die Staubkomponenten hin zu Feinstaub verschoben; das heißt weniger aber toxischer. Neue Untersuchungen Ottele, 2008, im Druck.
- Schwermetall-Reduktion
Die Staubkomponenten Schwermetall haften den Staubkomponenten an. Teilweise haften diese auf den Blättern, sie können aber auch in die Blätter eindringen. Wilder Wein und Efeu können erstaunlich gut mit Schwermetall-Immissionen in Städten umgehen. Sie zeigen keine auf Schwermetall zurückzuführende Nekrosen (Köhler et al. 1993). Blei ist aus den Immissionen weitgehend eliminiert. Andere Komponenten etwa Edelmetalle gewinnen an Bedeutung. Schutz der Oberfläche vor direkter Einstrahlung,
- Isolation, mechanischer Schutz
Messungen an Efeu bei strahlungreichen, austauscharmen Wetterlagen,
Unterschied zwischen Außenblättern und der Wandoberfläche: im Winter
bis zu 3 K; Im Sommer tagsüber ähnliche Größenordnung, in den
sommerlichen Nachtstunden auf der Gebäudeoberfläche wärmer als
ohne Begrünung.
(Bartfelder and Köhler 1987 and Köhler 2005). Holm (1989) verglich in
Südafrika Innenraum- und Außenraumtemperaturen; ohne Begrünung
schwankten die Werte zwischen 10 und 30 Grad, mit Begrünung
zwischen 12 und 27 Grad – kommt dem thermischen Komfort also schon
näher. Seine Berechnung ergibt für eine 16 cm dicke Pflanzenschicht
etwa 2,9 W/m2xk.
- Energiesparen durch begrünte Fassaden
In Abhängigkeit des Gebäudetyps, bis zu 25% Energie-Einsparung n.
(Minke 1983). In einer neueren Studie aus Griechenland wird der
klimatisch Dämpfungsfaktor von begrünten Fassaden ebenfalls
gemessen. Die Autoren Eumorfopoulou & Kontoleon (2008) halten sich
aber zurück, eine verallgemeinerbare Zahl dieses Effektes zu nennen.
- Lärmreduzierung Effekte von bis zu 5 dB(A) (Efeu) und 2-3 dB(A) Rubus oder Fallopia können im Rahmen verschiedener Faktoren möglich sein. Ebenso wird
die Frequenz der reflektierten Töne geändert. (Bastian u Schreiber 1999,
Buchta 1984). Rentgerhem et al. (2006) untersuchten mittels
Rechenmodellen Lärmausbreitung in Straßenschluchten und stellten fest,
dass die Fassadenstruktur von großer Bedeutung ist. In einer weiteren Arbeit Rentgerhem & Bottledooren (2008), wurde
gesagt, die Form der Straßenschlucht ist gar nicht so entscheidend für
die Lärmausbreitung. Für begrünte Fassaden fehlt noch ein
Reduzierungswert. Für begrünte Dächer wurde die Zahl 10 dB(A)
genannt. An diesem Faktor arbeitet auch Maureen Conelly und sieht für
Dächer Reduzierungsfaktoren, in Hinblick auf Frequenz, Schalldruck, und
Geräuschpegel, diese treffen auf unterschiedliche Vegetationsstrukturen
und Feuchtezustände. Die Werte hier stehen noch aus.
- Optische Qualität, Gartenblicke
Alle vorliegenden Studien zur Umweltwahrnehmung bestätigen die
positive Wirkung, eines „Grünblickes“. Begrünte Fassaden tragen mit
dem jahreszeitlichen Wandel und den möglichen Vogelgeräuschen
entsprechend zum Wohlfühlen bei. Leider fehlt noch einen umfassende
Studie, die sich ausschließlich der Fassadenbegrünung widmet. Messbar
sind Reduzierung von Blutdruck, weniger Schmerzmedikamente bei
Patienten Veladre et al. (2008), Sherman et al. (2005). Koshimizu & Lee
(2007) hat diese Wirkung am Beispiel von Dachgärten in Japan
untersucht.
- Naturschutz / Biodiversität
Eine ganze Reihe von thermophilen, arboricolen und synanthropen Arten
aus den Gruppen der Vögel, Spinnen und Käfer lassen sich in begrünten
Fassaden nachweisen (Köhler, 1988).
- Verdunstungskühlung
Die Verdunstungskühlung hängt von der Wasserversorgung ab. Beim
Versuch in Berlin- Adlershof konnten etwa 200 l pro etwa 1m2 großen und
etwa 40 cm tiefen Pflanzboxen innerhalb der Vegetationsperiode
verdunstet werden (Reichmann, 2006, Schmidt, 2006).
Die Wirkung von Fassadenbegrünung ist mit der Pflanzenmasse gekoppelt. Großflächige Begrünungen haben die besten Verschattungs- und Verdunstungseffekte. Von den Gerüstkletterpflanzen ist Wisteria sinsensis auch beim Projekt Physikgebäude in Berlin Adlershof am erfolgreichsten (Reichmann, 2006). Das Artenspektrum an geeigneten Kletterpflanzen ist in Deutschland überschaubar, es sind etwa 50 geeignete Arten (Köhler et al., 1993), in den Subtropen und Tropen hingegen sind es mindestens 400 – 500 Arten, die regelmäßig verwendet werden.
3. Living Walls (LW)
„Living walls“ hier als LW abgekürzt, stehen formal an der Schnittstelle zwischen „Innenraum- und Fassadenbegrünung“. Es sind gestalterisch- technische Lösungen zur Begrünung von vertikalen Strukturen, die sich sowohl in Innenräumen, als auch an Außenfassaden befinden können. Es fehlen bisher Standards für die Konstruktion, für die Art der Bepflanzung sowie die dauerhafte Pflege. Über den erforderlichen längerfristigen Pflegeaufwand schweigen zurzeit noch die
Eigentümer derartiger Installationen.
Living Wall systems lassen sich wie folgt klassifizieren:
- Ein pflanzlicher Bewuchs mit Pflanzen an Fassaden. Es können Kletterpflanzen sein. In der Regel handelt es sich um robuste oder attraktive Bodendecker,
- Das Pflanzsubstrat ist in Kübeln, Pflanztaschen oder kissenartigen Behältern eingefüllt mit denen eine vertikale flächige Bepflanzung erreicht werden kann.
- Im seltenen Fall werden Bäumen oder Sträucher verwendet. Im Zentrum des Interesses stehen krautige Arten, seltener Schlinger. Besondere optische Lösungen sind mit Epiphyten oder Moosen möglich.
- Bei der Auswahl der Arten ist eine anderes „Sehen“ erforderlich. Die Textur und die leicht variierten Farbschattierungen der Grüntöne können zu mondrian-ähnlichen Wandbildern zusammen gefügt werden.
- Gärtnerisch sind die Ausbreitungstendenz, der flächige Wuchs und die Dauerhaftigkeit der Pflanzungen von großer Bedeutung. Lücken im Pflanzenbestand sind zu vermeiden, da das Orte sind, an denen das Substrat ausgewaschen werden kann.
- LW- Konstruktionen sind meist als dauerhafte Bepflanzungen vorgesehen. Die
Austauschbarkeit von Modulen durch vorgefertigte Elemente erleichtert farbliche und
saisonale Besonderheiten.
- Ausführliche Listen geeigneter Arten liegen für diese Technik bisher noch nicht vor.
- In LW sind häufig Wasser- und Lichtinstallationen integriert, um besondere optische
Effekte zu erzielen.
- Der Schwerpunkt entsprechender Installationen liegt im subtropischen und im tropischen Bereich.
- Noch sind die Unterhaltungskosten eher abschreckend.
- LW sind gärtnerische Meisterwerke, Pflanzenliebhaber können bei einer gut bepflanzten Wand ins Schwärmen geraten. Die Berücksichtigung von Garantieleistungen oder die Absicherung von regelmäßigen Pflege- und Wartungskosten sind eine wesentliche Voraussetzung für die langfristige Qualität entsprechender Installationen.
3.1 Erfahrungen in Europa
In Europa erreichten Versuche mit Vegetationsplatten an Fassaden bisher nur mäßigen Erfolg. Die meisten Versuche wurden in Verbindung mit Lärmschutzplatten durchgeführt. Gründe für das Scheitern waren vielfältig, entweder funktionierte die automatisierte Bewässerung nicht, die Pflanzen waren nicht dauerhaft für derartige Standorte ausgewählt, auch die unterschiedlichen Konkurrenzverhältnisse zwischen den Arten können gewünschte optische Effekte, etwa die Pflanzung eines Logos nach kurzer Zeit unkenntlich machen.
Sofern LWs im europäischen Klima an Außenfassaden installiert sind, führt die typische Winterruhe zu einem eher unansehnlichen Erscheinungsbild, das nicht zur weiteren Werbung derartiger Installationen beiträgt. Der hohe Quadratmeterpreis einschließlich der hohen regelmäßige Pflegekosten und den hierfür nicht geschulten gärtnerischen Pflegepersonals sprechen eher gegen eine weitere Verbreitung. Die wenigen überzeugenden Beispiele hingegen befinden sich als „Hingucker“ in Museen oder Verkaufsräumen. Vielleicht ist auch für Europa hieraus ein neuer Trend abzuleiten, da es in allen architektonischen Bereichen beide Tendenzen gibt, einerseits immer preisgünstigere Lösungen anbieten zu müssen, andererseits aber immer ausgefallenere Lösungen im Zusammenhang mit der Abgrenzung vom Durchschnittlichen.
Solche begrünten Wandsysteme sind Details, die in der Richtlinie für Innenraumbegrünungen als auch bei der Fassadenbegrünung zukünftig auch ihren Platz finden sollten.
Bepflanzte und mit Pflanzlicht ausgestattete Installationen in U-Bahn Tunneln könnten die Angst vor solchen Passagen reduzieren.
LW sind gartenbauliche Installationen, die die Umwelt optisch bereichern können. Es fällt zurzeit noch schwer, diese als „Ökologisch“ zu bezeichnen. Es sind Kunstprodukte in Kombination mit Pflanzen, die nur durch eine gezielte professionelle Pflege langfristig erhalten werden können.
Ein großes Potential steckt in dieser Technik für Verdichtungsräume mit begrenztem Freiraum. In Megacities der Tropen und Subtropen scheinen zunächst die Wachstumsmärkte für diese Techniken zu liegen. Neue Lichttechnik, wie Pflanzenlicht auf LED Basis, verbesserte Bewässerungssteuerung und der zunehmende Wunsch zahlungskräftiger Kunden in großen Städten, Installationen aus „echten Pflanzen“ zu Präsentieren. Grün als Chick – das könnten die
Beweggründe hierfür sein. Einsatzfelder gibt es auch im kalten Mittel- und Nordeuropa, von Shopping – Malls über Flughafenhallen bis hin zu Bürogebäuden. Ein großes Potential für Fachfirmen der Gebäudebegrünung.
Pflanzen bieten eine bessere Raumklimatisierung als viele technische Systeme – das könnte als Marketingargument hilfreich sein.
Die Versuchsanlage zu Living Walls in Singapur
In Singapur ist seit Ende 2007 für zwölf Monate ein Testfeld mit 9 freistehenden Betonwänden aufgestellt worden (Bild: P P2220084). Diese haben eine Abmessung von etwa 8 m Höhe und 4 m Breite. Hiermit soll die Begrünung über 2 Stockwerke simuliert werden. Nach einem Jahr sollen Ergebnisse von derzeit auf dem Markt aktiven Marktführern vorliegen.
Konsequenz dieses Testes möglicherweise Folgeaufträge, um in der Stadt Singapur
entsprechende Konzepte danach großflächig umzusetzen.
4. Zusammenfassung
Die Technik der Fassadenbegrünung und die der Living Walls ist noch lange nicht
komplett beherrscht. Es gibt noch zu viele Bedenken gegenüber Pflanzen an Wohngebäuden.
Neben der klassischen Kletterpflanze gewinnen vertikal montierte Kübel an Bedeutung. Während an derartigen Systemen in Mitteleuropa immer noch Vorbehalte herrschen, wird in tropischen Ländern an wenigen Stellen experimentiert, wie in Singapur, Japan, Korea, USA und Brasilien, noch viel intensiver wird aber mit Produkten der aktuell etwa zehn Marktführer und einer ganzen Reihe von Kleinanbieter bereits heftig gebaut.
Für Deutschland bleibt festzuhalten, dass wir aus den entsprechenden Erfahrungen lernen können. Derartige System sollten Gegenstand in der Debatte um die Fortschreibung der entsprechenden Richtlinien zur Fassaden- und Innenraumbegrünung darstellen.
Aktuell werden der erforderliche Abstimmungsaufwand bei der Planung, der Ausführung und bei der späteren Wartung genauso unterschätzt, wie die Höhe der hiermit verbundenen dauerhaften Ausgabe für die Pflege.
Gebäudebegrünung bleibt für die Zukunft ein spannendes Feld, in dem neben
Forschungsaktivitäten vor allem experimentierfreudige Architekten und Investoren gefragt sind.
Derartige Konzepte kommen, wie es empirische Untersuchungen beweisen, bei den
Gebäudenutzern in der Regel gut an. Das sollte ein Argument für die weitere Beschäftigung mit derartigen Systemen sein.
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