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Klimatstrategien in europäischen Städten:
Begrünung als urbane Überlebenskunst

Paris & Amsterdam: Vorreiter in Sachen Begrünungsinitiativen

Vortrag auf dem 7. Internationalen Gründach-Symposium in Ditzingen, Febr. 2009

Helga Fassbinder

 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was für ein widersprüchliches, unstimmiges Verhältnis wir zur Natur haben?
Natur – was ist das eigentlich? Wildnis? Alles was nicht von Menschenhand gemacht ist? Was nicht ‚Gesellschaft’ ist?
Ich fürchte, damit kommen wir nicht weit.... ein Wald z.B. ist doch Natur. Selbstverständlich.... Aber nahezu alle unsere Wälder sind Wirtschaftsprodukte (mit Ausnahme der Naturschutzparks, die Pamina Rheinauen z.B., wo nicht eingegriffen wird u die Bäume natürlich absterben dürfen...). Ein normaler Wald ist geplant u bewirtschaftet. Da haben wir ja nichts dagegen. Aber es ist keine Wildnis.

Oder sollen wir’s mal einfacher probieren? Alles was nicht bebaut ist, ist Natur.
Sind unsere Städte also der Gegensatz zur Natur? Und definiert sich Natur von daher? Also alles, was nicht ‚Stadt’ ist, ist Natur?

Von einer solch einfachen Vorstellung gehen die Planer und Stadtpolitiker aus. Die Stadt ist des Menschen, Rot in der Planer-Zeichensprache. Außerhalb ist ‚Natur’, Grün in der Planerzeichensprache. Nach diesem Muster haben wir ein Jahrhundert lang gelebt.

Nur: inzwischen haben die Biologen festgestellt, dass die Biodiversität in Städten viel größer ist als auf dem Lande. Grosses Erstaunen....

Tja, die sog. Natur außerhalb der Stadt ist halt eben auch bewirtschaftet. Weitgehend landwirtschaftliche Monokulturen. Keine gute Basis für ‚Natur’ und für Biodiversität.

Die Stein-Landschaften, wie die Städte sie darstellen, geben da schon viel mehr Möglichkeiten....
Folge: Vögel, Insekten, Pflanzensamen suchen sich in diesen Steinlandschaften ihre Nische.
Ergebnis: eine große Diversität. Wir, die Menschen, die wir uns in unserem Selbstverständnis so unterscheiden von der Natur, gehören bei genauerem Hinschauen mit unseren Behausungen dazu.
Wir bilden einen Teil der Natur, ohne dass wir’s gemerkt haben.
Wie andere Typen von Biotopen auch, der Wald, die Heidelandschaft, die Savanne etc. ist auch die Stadt ein Biotop. Charakterisiert durch viel Stein, Glas und Stahl und durch das gehäufte Vorkommen der Spezies homo sapiens.
So wie in den Termitenhügeln, gebaut durch Termiten, gehäuft Termiten vorkommen, aber alles mögliches andere Getier auch auf und in diesen Hügeln lebt...


Es wir jedenfalls höchste Zeit, dass wir den strikten Gegensatz Mensch-Natur aufheben.
Wir tun also gut daran, unsere Sicht auf ,Stadt’ zu revidieren. Stadt ist grad so ‚Natur’ wie andere Typen von Felsenlandschaften, in denen die Spezies homo sapiens weniger vorkommt. Die Stadt ist ebenfalls ein Biotop. BIOTOPE CITY.

Die Sache so zu sehen, wäre nicht nur wirklichkeitsgetreuer, es wäre auch höchst vernünftig. Das würde uns nämlich helfen, die Probleme, die wir mit der Umwelt haben – und da sind Städte die großen Bösewichter – besser zu bewältigen.
Statt die sog. Natur draußen zu halten, sollten wir sie einladen, überall, wo auch immer möglich, sich in und auf unseren Städten auszubreiten und uns zu helfen, die Umwelt- u Klimaprobleme zu bewältigen.

Die Begrünung der Städte ist dabei eine wichtige Strategie. Warum?
Forschungsergebnisse haben inzwischen überzeugend demonstriert: Grün ist ein effizientes Mittel um die Belastungen der Stadtluft zu mildern, die Wärmedämmung der Gebäude zu erhöhen und im Sommer die Außentemperatur zu senken, und um zur Wasserrückhaltung bei Sturzregen beizutragen. Aus einer großen Zahl von Ländern wurden in den vergangenen Jahren derartige Forschungsergebnisse gemeldet. Als Beispiel:
Zwei deutsch-canadesische Forscher haben in einer empirischen Studie nachgewiesen, dass durch eine Erhöhung der Grün-Oberfläche einer Stadt wie Seattle (das war ihr Untersuchungsfeld) um nur 16% bereits beträchtliche positive Effekte erreicht werden. Siehe Roehr/Laurenz, Living Envelopes. Ein Forschungsteam an der TUBerlin ist mit dem Nachweis beschäftigt, dass eine Grünoberfläche bis zu 30% Feinstoffe aus der Luft holen kann.

Angesichts solcher Forschungsergebnisse ist es recht  erstaunlich, dass Gemeinden, Architekten und Stadtplaner immer noch nicht das Stadtgrün als ein wesentliches Material in ihren Planungen und Entwürfen benutzen. Warum haben wir nicht überall, wo es überhaupt nur möglich ist, grüne Dächer, begrünte Brandwände und Fassaden und Bäume entlang den Strassen als eine Standardausstattung all unserer Planungen und Bauaktivitäten?

Statt dessen sehen unsere großen Neubauten so aus:

Das ist die Situation bis zum heutigen Tage, obwohl inzwischen die Luftbelastung mit Feinstoffen und CO2 und das Problem der Wasserrückhaltung dramatische Dimensionen angenommen haben und die Rolle, die das Grün zur Reduzierung dieser Probleme beitragen kann, bekannt ist – zumindest bekannt sein dürfte unter Experten, Planern und Politikern.

Immer noch wird Grün in erster Linie unter dekorativen und rekreativen Gesichtspunkten eingesetzt.
In den Planungsämtern und in amtlichen Verordnungen herrschen weitgehend noch Auffassungen vor, die geprägt sind durch ihre Herkunft aus Zeiten vollkommen anderer Lebensbedingungen in Städten. Das städtische Grün rangiert da immer noch unter ‘Freizeit und Erholung’. Diese Haltung findet ihren radikalen Ausdruck in der Planersprache, die einen strikten Unterschied zwischen ‘rot’ und ‘grün’ macht, wie ich schon sagte. (s. Fassbinder, Rot als Grün)

Was wir heute brauchen, ist die entgegen gesetzte Haltung: nicht Rot versus Grün, sondern Rot als Träger von Grün, Rot als Grün. Das erfordert einen völligen Umschwung im Denken, mit dem sich Stadtplanung und Architektur nun eilends und vorrangig zu beschäftigen sollte.

Inzwischen sind zahlreiche technische Möglichkeiten für Grün auf und an Gebäuden und in dichten Strassen entwickelt und auch in den vergangenen Jahren praktisch erprobt worden: das Problem liegt nicht im technischen Bereich der Realisierung, und auch nicht im Bereich der Kosten - insofern man die Langzeit-Unterhaltskosten mit in die Abwägung einbezieht -  in der Regel sind ‘grüne Lösungen’ dann sogar kostengünstiger.
Es ist vor allem ein Problem der Barriere im Kopf.

Architekten, Stadtplaner, Politiker, Investoren, Bürger – sie alle müssen ihre Ideen über Prioritäten und darüber, wie ein Gebäude, eine Strasse, eine Stadt aussehen soll, revidieren. Wir sind seit nahezu einem Jahrhundert infiltriert von der Moderne und ihrer Ästhetik – das bestimmt unser Gefühl, unseren Geschmack, es legt eine schwere Hypothek auf die so notwendige Veränderung. Wir brauchen ein Umdenkens in unserer konzeptionellen und ästhetischen Herangehensweise an die Stadt - und das ist es, was die Sache so schwierig macht: die größten Barrieren sind niemals materieller oder technologischer Art, sie sind mental.... Es ist eine Herausforderung an unsere geistige Flexibilität, an unsere Intelligenz, unsere Courage...

Glücklicherweise beginnt der Slogan der grünen Stadt unter Politikern populär zu werden; es sind erste Signale eines veränderten Denkens unter Architekten, und Stadtplanern auszumachen und mancherorts können wir die Ergebnisse einer praktischen Umsetzung wahrnehmen.

Natürlich sind lokale Situationen unterschiedlich, die Menschen sind verschieden, das politische und kulturelle Klima kann sehr unterschiedlich sein.
Es gibt Städte, die es gewagt haben, außerordentliche Schritte in Richtung auf mehr Grün auf einem speziellen Gebiet zu unternehmen und alle Energie darauf richten.
Gründächer sind ein gutes Beispiel dafür – es gibt Städte, die eine strikte Gründachverordnung nicht nur für öffentliche Gebäude, sonder für alle Neubauten beschlossen haben. Linz ist Ihnen allen bekannt, ebenso Chicago, das sich weltweit damit profiliert hat, seine öffentlichen Gebäude mit  Gründächern zu versehen. Antwerpen hat ein Programm, um bestehende Gebäude mit einem Gründach zu versehen – man kann inzwischen glücklicherweise eine lange Liste anführen von vernünftigen Gemeinden.



Andere Gemeinde sind Avantgarde auf dem Gebiet der Einrichtung von pocket Parks oder im Bereich der Abwasserzurückhaltung,  u.s.w. Aber in allen Bereichen gleichzeitig aktiv zu sein – das gehört immer noch zu den Ausnahmen.

Eine solche Stadt ist Paris.

Paris ist die dichteste Stadt auf dem europäischen Kontinent u hat ein enormes Feinstoff- und CO2 – Problem. Zudem wurde die Stadt in dem heißen Sommer vor 3  1/2 Jahren geschockt dadurch geschockt, dass mehrere tausend alte Menschen aufgrund der Hitze in der Stadt einen vorzeitigen Tod.
Diese Erfahrung hat wesentlich zur Akzeptanz von ziemlich umfassenden Maßnahmen beigetragen.

Einerseits Verkehrsmaßnahmen:
Man hat bei einer Reihe von zentralen Verkehrsachsen die Straßenbreite für den Individualverkehr zugunsten von Busspuren um die Hälfte reduziert. Man hat auch ein mittlerweile in aller Welt gerühmtes System von Fahrrad-Verleih-Stationen eingeführt. Beides hat schon beträchtlich zur Reduktion des Feinstoffgehalts beigetragen.

Zum andern hat Paris eine erstaunlich kohärente Politik der Begrünung der Stadt entwickelt. Eine Politik, die so ziemlich die gesamte Palette von Begrünungsstrategien umfasst.
Im Flächennutzungsplan der Stadt Paris wurde das gesamte innere Stadtgebiet als Zone der Verstärkung von Grün markiert. In den Bebauungsplan ist eine neue Kategorie aufgenommen worden: Vertikales Grün – das ist einmalig u gibt es m.E. bisher nirgendswo sonst als Planungskategorie.
Sodann wurde eine Begrünungsoffensive gestartet mit einer aufwendigen Animationskampagne für Bürger, um sie zu sensibilisieren, den Wert von Grün zu erkennen und selbst dazu beizutragen, dass Paris grün wird – also Grün zu pflanzen, wo immer auch nur möglich.


Vorbildlich dabei ist, dass durch die Stadtregierung aus einer übergreifenden großen Vision heraus gedacht und gearbeitet wird. Diese Vision des Begrünens der Stadt, ‚végétalisation de la ville’ wird mit allen verfügbaren Medien an den Bürger herangetragen. Ziel ist es, damit eine breite Akzeptanz zu erhalten für die  Strategien, die durch die Stadt auf verschiedenen Gebieten entwickelt worden sind. Auf diese Weise stehen die Maßnahmen nicht isoliert nebeneinander, sondern verstärken all diese Aktivitäten sich ewechselseitig. Das ist gerade im Fall von Paris um so wichtiger, als die Stadt über keine Möglichkeit verfügt, Gründächer verbindlich vorzuschreiben. Die Stadt ist angewiesen darauf, ihre Bürger von der dringenden Notwendigkeit einer umfassenden Begrünung zu überzeugen, um ihre Mitwirkung zu erreichen.


2007 richtete die Stadt mitten im Zentrum einen spektakulären temporären Garten direkt vor dem Rathaus ein, mit didaktischen Beispielen des Begrünens. Im Rathaus selbser wurden bereits realisierten und die geplanten neuen Parks u öffentlichen Gärten ausgestellt. Es gab zahlreiche Informationsstände, bei denen die Besucher Ratschläge und Informationsmaterial erhalten konnten. 2008 wiederholte die Stadt einen solchen temporären Gartenvor dem Rathaus, diese Mal sogar mit einem temporären Teich. Das Motto war: Die City ist ein Refugium für Biodiversität.


Besonders stolz - und dies zurecht - ist man darauf, im Laufe der vergangenen Jahre 46 neue Parks und öffentliche Gärten angelegt zu haben, z. T. kleinste pocket parks, aber auch sie tragen sehr zur Lebensqualität der Pariser bei – sie sind gut besucht, sobald das Wetter es zulässe, zumals neben vielen Parkbänken ein gratis drahtloser Internetzugang installiert ist. Man sieht also überall in den öffentlichen Gärten Leute über ihren Laptop gebeugt auf den Bänken.


Die Möglichkeiten für neue Parks u öffentlichen Gärten vor allem im inneren der Stadt ist freilich begrenzt. Eine besonders spektakuläre Lösung ist bereits etwas älter: Sie werden sie vielleicht kennen: Das Überdachen des Bahnhofs Montparnasse. Hier ist über dem Bahnhof ein wunderbarer Garten entstanden, intensiv genutzt von den Berufstätigen in den Lunchpausen u von Jugendlichen...

 



Eine andere Lösung ist: Vertikale Gärten statt horizontaler. Man hat selbst im Stadtplanungsamt eine Abteilung für vertikales Grün eingerichtet. Bürger, Hausbesitzer wie auch Mieter, können dort Beratung erhalten und Anträge zur Begrünung ihres Gebäudes einreichen. Die werden überprüft und wenn genehmigt, liefert die Stadt die Pflanzen u übernimmt selbst den Unterhalt des vertikalen Grüns. Bislang sind 92 solcher vertikalen Gärten entstanden....
Wenn Sie das interessiert, schauen Sie auf der Website von BIOTOPE CITY JOURNAL nach, dort finden Sie mehrere Beiträge, die darüber näher berichten, darunter ein Interview mit Mme Huard, die diese Abteilung unter sich hat.

Die schönsten vertikalen Gärten sind natürlich die von Patrick Blanc, die allerdings nicht im Rahmen dieses Programms angelegt worden sind, dafür sind sie zu teuer - es sind Juwelen vertikaler Begrünung. Sie sind auch schon große Touristenattraktionen, wie der an der Seine-Seite des Musée du Quai Branly. Die enorme Anziehungskraft, die sie ausüben, hat auch bereits die Geschäftswelt als Auftraggeber auf den Plan gerufen. Das große Kaufhaus BHV hat seine Dependance für Herrenmode in der engen Rue Verrerie  von Patrick Blanc mit einer grünen Fassade ausstatten lassen. Ein wunderbarer vertikaler Garten...

Aber es gibt noch andere Begrünungsstrategien:
Die Stadt hat ein Programm entwickelt für Gemeinschaftsgärten auf kleinen innerstädtischen Restflächen, die im Besitz der Stadt sind, jardins partagés genannt. Hiervon sind schon zahlreiche im Stadtgebiet realisiert, sie erfreuen sich großer Beliebtheit, es gibt lange Wartelisten...

Und dann gibt es noch das Programm zur Baumscheibenbepflanzung – besonders interessant für Kinder. Stadtkinder, die keinen Garten haben, lernen doch vor ihrer Haustür zu gärtnern.

Daneben es gibt natürlich auch die üblichen Balkon- und Fensterbegrünungswettbewerbe, für Paris doch eine Neuerung, den in der Vergangenheit sollten die Hausmann-Fassaden keine Blumentoepfe tragen, um den architektonischen Eindruck nicht zu verderben...

Was Bäume betrifft: Paris hat viele Straßenbäume entlang seiner Alleen. Man ist sehr stolz auf die Anzahl dieser Stadtbäume, ca. 90.000. Jährlich wächst dieser Bestand um ca. 1300 neu hinzugepflanzte Bäume. Selbst im äusserst dich bebauten 2. Arrondissement, dessen Bürgermeister der Grünen Partei angehört, werden selbst zusätzliche Straßenbäume gepflanzt, ein schwieriges Unterfangen.
Soweit das Beispiel von Paris....


Andere ‚Pionier-Städte’ haben – je nach lokaler Situation und rechtlichen Möglichkeiten - ihre Strategien anders aufgezäumt und weitere oder andere Beiträge geliefert zu der breiten Palette von Ideen für die ‘Begrünung der Stadt’. Hier ist manches aufzuführen.

Ich will mich auf nur ein solches Beispiel beschränken: Amsterdam. Gewissermaßen das Gegenstück zur Pariser Strategie. In Amsterdam läuft die Begrünungspolitik anders. Amsterdam ist von alters her schon eine sehr grüne Stadt.
Die Stadt legt auf Bäume ein Schwergewicht ihrer Politik. Die ersten Pflanzungen begannen schon im 16.Jhd.. Heute besitzt die Stadt sage und schreibe 380 000 Stadtbäume!

Aber trotz der aktiven Pflanzungspolitik nimmt die Anzahl der Straßenbäume in Amsterdam bedauerlicherweise jährlich ab – im Gegensatz zu Paris, wo sie jährlich steigen. Der Grund liegt in den schlechten Bodenbedingungen zusammen mit den stets größeren Einengungen beim Pflanzen: der hohe Grundwasserstand lässt den Bäumen nur eine Wurzelungstiefe von ca. 1 m  u die immer stärkere Kabeldichte in den Strassen verhindert, dass man die Bäume so eng wie früher nebeneinander pflanzen kann.

Ich habe gesagt: in Amsterdam läuft die Begrünung der Stadt anders. Der große Unterschied ist:
Viele Begrünungsaktivitäten sind nicht von oben entwickelt, sondern sind spontane Initiativen von Bürgern.

Vertikales Grün z.B. bedarf keines Förderungsprogramms: Es geschieht in Eigeninitiative.... diese Strasse haben die Bewohner in eigener Initiative begrünt und voller Stolz zur grünsten Strasse der Stadt ausgerufen, wie das Straßenschild zeigt.


Und es gibt eine reiche Vielfalt von Bepflanzungen der Straßenseite von Häusern. Da wird nicht viel um Genehmigung gefragt. Man tut’s einfach. Die Gemeinde hat schließlich beschlossen, dass ein Streifen von 30 cm vor dem Haus genutzt werden darf...

Es gibt auch unter vielen Bürgern eine eindeutige Liebe zu dem, was früher Unkraut hieß: Wilder Pflanzenbewuchs in großer Variation in den Ritzen. Aktive Arbeitsgruppen von Bewohnern inventarisieren und beobachten diesen Wildwuchs und beschützen die Pflanzen gegen kommunale Reinigungsdienste. Viele von diesen Leuten sind inzwischen große Spezialisten für wilde Pflanzen geworden...


Baumscheiben-Gärten gibt es natürlich auch, ohne jede Stimulierung der Stadt, Eigeninitiative von Umwohnenden....


Eine fuer eine Wasserstadt wie Amsterdam nahe liegende Besonderheit sind die schwimmenden Flosse für Wasservögel und Pflanzen in einigen Grachten. Auch das sind Initiativen von Bewohnern, die sie angelegt haben und sie unterhalten.


Vielleicht denken Sie mittlerweile: was interessiert mich das – alles keine Sachen, bei denen wir als Gründachspezialisten eine Rolle spielen.
Das wäre kurzsichtig.
Gründächer – u kunstvolle vertikale Gärten, für deren Anlage man Sie als Spezialisten ebenfalls einschalten muss – brauchen eine breite Liebe für städtisches Grün als Basis für Beschlüsse. Sowohl Bürger, die sich zu einer solchen Investition durchringen, als auch Kommunalpolitiker und Beamte in den Stadtverwaltungen, die übergreifende Beschlüsse in Richtung Realisierung von Gründächern fassen sollen, haben vorher einen langen Weg von Meinungsbildung hinter sich gebracht, bis sie sich dazu entschlossen haben.... Eine Buergerbewegung in Richtung Begrünung der Stadt ist deshalb Ihr natürlicher Bundesgenosse. Ebenfalls sind Ihre Bundesgenossen all diejenigen, die sich Sorgen machen um das städtische Klima, die städtische Luft, und natürlich alle Wissenschaftler, die Forschungsergebnisse auf den Tisch legen, wie die eingangs erwähnten...
Sehen Sie also Ihr Aktionsfeld nicht zu eng.

Für Kommunalverwaltungen ist die Lehre aus den beiden Beispielen diese: und das ist eine Schlussfolgerung, die für jede Situation gilt: Eine Stadt sollte ihr Bekenntnis zur Nachhaltigkeit imhinblick auf Klimaschutz, CO2 Ausstoss und Feinstoff-Problematik dahingehend erweitern, dass sie einen grundsätzlichen Beschluss zu einer Begrünungsstrategie fasst.

Auf der Basis einer solchen generellen Intention wird es ihr dann leichter möglich sein, alle Kräfte, die der Bürger und die der städtischen Verwaltung, zu bündeln und sich wechselseitig verstärken zu lassen. So kann sie effizient die Bürger zu Initiativen der Begrünung stimulieren. Denn eine Begrünungsstrategie – ob es nun um Dächer, Außenwände, Baumscheiben, oder anders Formen von Grün geht – ist immer zu einem wesentlichen Teil abhängig von Aktivitäten der Buerger. Die Stadt kann Vorreiter spielen – aber die Masse der Investitionen in Grün muss von den Privaten kommen.
Die Politik kreiert im wesentlichen nur den Stimulans und die Rahmenbedingungen. Wie das im Detail dann ausgearbeitet wird, ist abhängig von der Struktur und den lokalen politischen und sozialkulturellen Umständen.