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Grüne Dächer: die Rolle der Natur in der Stadt

Helga Fassbinder

Vortrag auf dem Mini-Symposium "Een groen dak boven je hoofd?"
Amsterdam 12-6-2009

Im Frühjahr 2009 hat James Lovelock ein neues Buch publiziert – ein Buch mit dramatischem Inhalt. “The vanishing face of Gaia – The Final Warning” ist der Titel (Perseus Book Group).

Sie erinnern sich vielleicht noch: Die GAIA-Hypothese von James Lovelock.
Lovelock ist ein englischer Chemiker und Biologe mit großem Ansehen. Er hat eine Reihe bedeutender Erfindungen gemacht, vor allem in der Zeit seiner Tätigkeit für die NASA. Er ist Mitglied der British Royal Society, unter vielen anderen Auszeichnungen hat er auch den Heineken-Preis der Königlichen Niederländischen Akademie der Wissenschaften erhalten.

Vor 30 Jahren machte er Furore mit seiner GAIA-Hypothese. GAIA ist der Name der Mutter Erde in der griechischen Mythologie. Lovelock verwendet den Begriff GAIA als Metapher für das gesamte Sonne-Erde-System. Er beschreibt GAIA als ein sich selbst regulierendes System, das in seiner Gesamtheit als eine Art Organismus gesehen werden muss. Die Erdoberfläche ist nach dieser These ein integraler Teil der Biosphäre, d.h. der Späre allen organischen Lebens, mit der die Erdoberfläche in einem dynamischen Rückkopplungsprozess verknüpft ist, der die Evolution des Lebens auf Erden überhaupt erst möglich gemacht hat. Diese These wird inzwischen von der Wissenschaft anerkannt und von vielen Astronomen, Biologen und Umweltwissenschaftlern ganz selbstverständlich zugrunde gelegt.

JamesLovelock hat 2007 mit seinem Buch „Gaias Rache“ bereits eine dramatische Warnung veröffentlicht: Die Erderwärmung bringt das gesamte System in seiner heutigen Form in Gefahr mit katastrophalen Folgen für das Leben auf der Erde, vor allem für das Leben der Menschen. Die intensive Verwendung von fossilen Brennstoffen hat bereits zu einer derartigen Erwärmung geführt, dass die Rückkoppelungseffekte in kurzer Zeit, d.h. schon in den kommenden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, zu einer Eskalation des Klimas führen werden. Dies vor allem, wenn einmal die bremsenden Effekte von Staub und Dunst - das sog. global dimming - wegfallen, die gegenwärtig noch durch fossile Verbrennung entstehen und die Sonneneinstrahlung vermindern. Berücksichtigt werden nun in dem o.gen. jüngsten und bisher letzten Buch Lovelocks nicht nur die neuesten Forschungsergebnisse zur Klimaentwicklung, sondern auch die Prognosen zur globalen Bevölkerungszunahme und zum wachsenden Lebensstandard in Ländern wie China und Indien. Der Titel ‚The vanishing face of GAIA’ sagt bereits genug: wir sind dabei, eine Grenze zu überschreiten.

Auf den ersten Blick mögen Lovelocks Hypothesen dramatisiert erscheinen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass inzwischen fast alle namhaften Klimatologen von ähnlichen Prognosen ausgehen, und zwar auf der Basis von Messungen und Entdeckungen der letzten Jahre zum lange Zeit unbeachteten Phänomen des global dimming. (In einer vielbeachteten Radiosendung der BBC wurden einige Ergebnisse der letzten Jahre zusammengefasst. Ich empfehle die Niederschrift dieser Sendung zur Lektüre, sie ist zu finden unter: http://www.bbc.co.uk/sn/tvradio/programmes/horizon/dimming_trans.shtml

Wie ernst das Pänomen des global diming bereits in der Praxis genommen wird, zeigt eine internationale Konferenz im Mai dieses Jahres, auf der Wissenschaftler aus der ganzen Welt über eine wahnsinnig erscheinende Frage diskutierten, nämlich die Möglichkeit, durch das künstliche Einbringen von Feinstoffen in die Atmosphäre den Himmel soweit zu verdunkeln, dass die Sonneneinstrahlung nur noch teilweise durchdringen kann und die Erderwärmung dadurch vermindert wird. (Was seinerseits wieder neue Probleme mit sich bringen wuerde: die Feinstoffen sinken nach ca. 6 Wochen ab und verursachen dann wohl in unserer Lebenswelt erneut die Gesundheitsschaeden, um derentwillen wir sie nun bekämpfen).

2007 sagte Lovelock in einem Interview: „Ich denke, dass die Menschen nicht schnell genug reagieren oder klug genug sind, um mit dem umzugehen, was nun auf sie zukommt. Kyoto war vor 11 Jahren und außer endlosem Gerede und Konferenzen ist nichts getan worden.“ Nichtsdestotrotz sieht Lovelock sein Buch nicht als eine Verkündigung des Weltuntergangs, sondern als eine letzte große Warnung. Noch können wir die Entwicklung umkehren.
Schließlich werden inzwischen die Gefahren, denen wir global gegenüberstehen, breit in den Medien diskutiert und sind auch ins Bewusstsein der Bürger eingedrungen.

C02 Ausstoß, Klimawandel, das Ende der fossilen Brennstoffe – es sind Themen, die uns durch den Kopf gehen, mehr noch: es ist ein Wissen, das unkontrolliert in unserem Unterbewusstsein rumort. Die Popularität von Horrorfilmen weist darauf hin. Im Unterbewussten begreift man die Gefahr, man hat Angst.

Die Politik vom höchsten bis zum lokalen Niveau unternimmt inzwischen viel, um eine Kehrtwende herbei zu führen, nicht nur in Konferenzen, sondern auch und gerade in der praktischen Politik. Worum es nun geht, ist alles zu tun, auf jedem Niveau und an allen Orten alle verfügbaren Strategien einzusetzen, um diese wahnsinnige Entwicklung zu stoppen. Es geht nicht mehr um ein entweder – oder, sondern um ein sowohl als auch.

Womit wir beim Thema wären: dem ersten öffentlich geförderten Gründach in Amsterdam.

Grün, Vegetationsgrün in Städten wird eine wichtige Rolle spielen müssen in unserem Kampf gegen die Erderwärmung und ihre Folgen. Warum und wie?

Das Luftfoto rechts ist die Infrarot-Aufnahme einer willkürlich ausgewählten Agglomeration, der Bay von San Francisco. Die Farbe rot bedeutet hier Wärmeabstrahlung.
Die Luft oberhalb der Städte ist 3 Grad wärmer als außerhalb. Über ihnen bilden sich ‚Urban Heat Islands.

Kommt hinzu: Uns steht in den kommenden 100 Jahren etwa eine Verdoppelung der Weltbevölkerung bevor. Diese Bevölkerungszunahme wird zu mehr als 95% in den Städten und Agglomerationen stattfinden. Die Städte werden sich also noch enorm ausdehnen.
Obendrein vermehrt sich in hohem Tempo die Zahl der Menschen, die an einem relativ hohen Wohlstandsniveau partizipieren. Siehe China, Indien u.a. Das verschlimmert die von Menschen verursachte Erwärmung noch einmal.

Grüne Dächer, jegliches Grün in der Stadt, besonders in der dicht bebauten inneren Stadt, hat eine Reihe von Effekten, die sehr effizient dazu beitragen, die Probleme abzuschwächen, die die Städte für das globale System, für GAIA also verursachen.


Grüne Dächer tragen zur Isolation bei und auf diese Weise zur Energieersparnis.Sie vermindern die Windgeschwindigkeit und damit den Wärmeverlust. Sie steigern Effizienz photovoltaischer Sonnenkollektoren, deren Wirkungsgrad mit steigender Temperatur abnimmt. Sie schützen die Dachhaut. Sie halten Wasser zurück. Sie tragen zur Umsetzung von CO2 in Biomasse bei. Sie verbessern das städtische Mikroklima. Sie bieten Bewohnern und Beschäftigten grüne Rekreation dicht am Haus. Und sie bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Fazit:
Grün ist ein wichtiger Trumpf im Kampf gegen die Erderwärmung.

Eine ansehnliche Anzahl von Städten in verschiedenen Ländern, auch in den Niederlanden, voran in Brabant, haben inzwischen auf unterschiedliche Weise Strategien und Maßnahmen entwickelt, um die Schaffung grüner Dächer zu stimulieren.

  1. durch direkte Förderung per m2, wie Amsterdam es nun tut
  2. durch indirekte Förderung, z.B. in Form von Senkung der Abwassergebühren,
  3. durch Vorschrift: es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Gemeinden, die grüne Dächer bei Neubauten vorschreiben; in diesem Fall wird dann meist keine Förderung gewährt.

 


Linz in Österreich ist ein bekanntes Beispiel hierfür: man hat in Linz bereits 1989 damit begonnen, die Anlage von Gründächern vorzuschreiben und dies gleichzeitig zu subventionieren. Aber auch zahlreiche andere Städte in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland, vor allem im deutschen Südwesten, haben inzwischen in der einen oder anderen Form Subventionierungen oder Vorschriften eingeführt. Auch in Kanada ist man energisch mit der Stimulierung von Gründächern beschäftigt, Vancouver und Toronto profilieren sich damit. Chicago ist international bekannt geworden mit seiner Gründachpolitik: jedes öffentliche Gebäude ist verpflichtet, ein Gründach zu tragen.

In New York hat der Bürgermeister zu einem ‚Greening the City’ aufgerufen und vor einem Luftfoto, auf dem alle Wolkenkratzer mit einem grünen Dach eingekleidet waren, eine feurige Rede gehalten. Selbst die Bronx hat ein Programm, um Dächer von Sozialwohnungen zu begrünen. ‚Green the Ghetto’ ist der Slogan. Man kann eine Bustour entlang den grünen Dächern buchen.

Die breite Begeisterung ist nicht zufällig. Ich will kurz einige Vorteile beleuchten.

Kühlung und Wärmeisolation: ein grünes Dach – und eine grüne Haut auf der Fassade ebenso – hat eine isolierende Wirkung: im Winter eine Wärmeisolation, im Sommer einen Kühleffekt. Das erbringt eine Einsparung von Energiekosten.

Der Kühleffekt rührt von der Verdampfung an den Blattoberflächen und von deren Strahlungsreflexion her, wodurch die ins Gebäude eingedrungene Strahlungswärme vermindert wird. In Zahlen:

  1. ein Flachdach oder ein gering geneigtes Dach, das mit Bitumen oder Kunststoff gedeckt ist, wird im Sommer leicht 70-80 Grad Celsius warm.
  2. ein mit Kies bedecktes Dach erreicht immer noch eine Temperatur von 50-60 Grad Celsius,
  3. bei einem begrünten Dach liegt die durchschnittliche Oberflächentemperatur bei ca. 35 GradCelsius.

Das erbringt zusätzlich Vorteile für Sonnenkollektoren:
Die Photovoltaik-Elemente der Sonnenkollektoren arbeiten am effektivsten bei niedrigen Temperaturen um die 25 Grad Celsius. In den Sommermonaten liegen die Dachtemperaturen jedoch meist weit darüber. Zwischen einem ‚unbedeckten’ Dach und einem Gründach entstehen im Sommer leicht Temperaturunterschiede von ungefähr 40 Grad Celsius. Eine grobe Faustregel besagt, dass mit jedem Grad Celsius oberhalb von 25 Grad Celsius die Leistung von Sonnenkollektoren um 0,5% sinken. Durch die Begrünung arbeiten die Sonnenkollektoren also deutlich effizienter!

Der Schutz der Dachhaut ist ein anderer positiver Effekt: Die Dachhaut von Flachdächern ist dem Wetter und UV-Strahlen ungeschützt ausgesetzt. Im Laufe der Jahre bringt das Materialmüdigkeit, Qualitätsverlust, Rissbildung und Undichtigkeit mit sich. Anders als vielfach angenommen wird, verbessert die Bekiesung die Lebensdauer eines Flachdachs, die im Schnitt mit 20 Jahren angesetzt wird, kaum.

Durch eine Dachbegrünung werden die Klima- und Umwelteinflüsse auf natürliche Weise vermindert. Die Dachhaut ist stets ein wenig feucht, liegt vollständig im Dunkeln und bleibt kühler. Die Lebensdauer kann sich dadurch ohne weiteres verdoppeln.  Das Gründach ist teurer in der Konstruktion, aber auf die gesamte Lebensdauer genommen ist es preiswerter.

Dann gibt es einen weiteren Vorteil: die Wasserrückhaltung. Grüne Dächer bieten einen wichtigen Puffer gegen Regenwasserüberschuss. Schön ist der unten stehende Zeitungsbericht mit dem Titel „Londons Bürgermeister kündigt Plan zum Aufsaugen von Regenwasser an. Strategie entwickelt, um mit Hitzewellen und Überschwemmungen umzugehen“.

Das grüne Dach wirkt wie ein Schwamm. Abhängig von der Konstruktion und den Wetterumständen werden 50-90 % des Regenwassers auf dem Dach zurückgehalten und durch Verdampfung direkt wieder in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt. Dadurch wird das Abwasserleitungssystem spürbar entlastet.
Das kann für Eigentümer und Nutzer eine ansehnliche Kosteneinsparung bringen: In Deutschland z.B. ist bei Gründächern die Abwassergebühr je nach Gemeindeverordnung 30-50 % niedriger.

Ein grünes Dach trägt auch bei zur Feinstoffabsorption.
Wir haben inzwischen strenge EU-Normen, aufgrund derer nicht selten die Ausführung von Bauprojekten in Gefahr kommt, da an dem jeweiligen Standort die Obergrenze der Feinstoffwerte bereits überschritten ist. Grüne Dächer können bis zu 20% Feinstoffe aus der Luft binden, einige Untersuchungen sprechen selbst von 30%, abhängig von der Art der Bepflanzung – und dieses ohne zusätzlichen Energieeinsatz. Der Autoverkehr kann nicht auf Null reduziert werden, also ist neben einer Reduzierung von Verkehr und Verkehrsabgasen jedes andere effiziente Mittel wichtig. Begrünung kann also eine wichtige Rolle dabei spielen, die EU-Feinstoffwerte zu erreichen.

Und dann noch eine Überraschung: Die Reduktion von Lärm- und Strahlungsbelastung.
Zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des technologischen Fortschritts gehört ja die stets weiter zunehmende Belastung durch Geräusche, Lärm und Strahlung. Grüne Dächer und grüne Fassaden reduzieren die Reflektion von Geräuschen und haben eine geräuschisolierende Wirkung. Untersuchungen belegen, dass das bis zu 5 Dezibel ausmachen kann. Zusätzlich wird auch elektromagnetische Hochfrequenzstrahlung (z.B. von Mobiltelefonantennen) vermindert, auch dieses haben Untersuchungen nachgewiesen.

Schlussendlich will ich noch auf ein besonderes Geschenk hinweisen, das uns ein Gründach machen kann: Es ist gewissermaßen ein gratis Grundstück mitten in der bebauten Stadt, ein Dach über unserem Kopf, ein Garten mit Panorama-Aussicht für uns, für Vögel, für Insekten...

Diese Aufnahme eines Innenhofs an der Kennedylaan in Amsterdam beweist es: Es sollte dort eine Parkgarage gebaut werden, die Bewohner setzten sich heftig zur Wehr – als Kompromiss entstand ein wild begrünter Garten auf dem Dach der Garage und um sie herum.

Auch Gewerbegebiete lassen sich durch Begrünen besser in die Landschaft integrieren. Dabei geht es ja immer um große Areale in der Nähe der bewohnten Stadt. Da es meist um Gebäude selbst ohne Fensteröffnungen geht, bieten sie sich geradezu an für eine totale Begrünung, nicht nur auf dem Dach, sondern auch vertikal an den Aussenwänden der Gebäude. Die Anlage von Gewerbegebieten würde auf diese Weise nicht mehr auf Kosten der Natur gehen...

Nun habe ich ausführlich über grüne Dächer gesprochen, aber all die genannten positiven Effekten beschränken sich natürlich nicht auf das Dachgrün. Brandwände, verwandelt in hängende Gärten, haben vergleichbare Wirkung und sind gleichzeitig eine Lust fürs Auge...

Die Stadt Paris hat aus der Begrünung der Stadt in jedwelcher Form ein politisches Programm gemacht. „Végétalisation de la ville“ heißt die programmatische Zielsetzung.

Paris ist die am dichtesten bebaute Stadt des europäischen Kontinents, Paris leidet entsprechend stark unter sommerlicher Hitze – die Hitzewelle von 2003 hat mehreren Tausend älteren Menschen das Leben gekostet, die Schätzungen variieren von 4.000 bis 14.000. Dieser Tatbestand hat einen Schock verursacht und die Stadtregierung dazu gebracht, alles Erdenkliche in die Wege zu leiten, um das städtische Klima zu verbessern.
Zurückdrängung des privaten Autoverkehrs zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel und Zurückzudrängung und Ausbau des Fahrradnetzes ist die eine Hälfte der Strategie. Végétalisation de la ville, Begrünen der Stadt die andere. Hierzu hat die Stadtregierung – eine Koalition von Sozialisten und Grünen – ein zügiges Programm mit einem breiten Spektrum entwickelt.

Im Masterplan der Stadt, dem PLU, ist die gesamte Stadt innerhalb der Peripherique Interieur als Zone der Intensivierung von Grün ausgewiesen.

Um die Pariser für die Idee des Begrünens zu erwärmen, hat die Gemeinde 2007 und 2008 in den Sommermonaten einen temporären Garten vor dem Rathaus zwischen der Rue Rivoli und der Seine angelegt, 2008 sogar mit einem temporären Teich. Beeindruckende Ausstellungen von Pflanzen, Gärtchen und Beispiel-Arrangements waren da zu sehen, dazu im Rathausinneren Fotos, Pläne und Modelle der neuen bereits verwirklichten und der noch im Planungsstadium befindlichen öffentlichen Gärten – und überall gab es Stände, an denen die Bürger sich darüber informieren lassen konnten, was sie selbst zum Begrünen der Stadt beitragen können und wie die Stadt sie darin unterstützt.

Die Anlage von neuen Parks und öffentlichen Gärten bildet einen Teil dieses Programms. In den vergangenen Jahren sind im Stadtgebiet von Paris mehr als 40 neue Parks, Gärten und Gärtchen angelegt worden. Aber die verfügbare Grundfläche in der Innenstadt ist naturgemäß knapp. Bereits in den 90er Jahren ist man auf die Idee gekommen, auf Verkehrsinfrastruktur gewissermaßen öffentliche Dachgärten anzulegen. Realisiert hat man einen solchen über dem Bahnhof Montparnasse, den man überdeckt hat und auf dessen Dach man einen hinreißend schönen Garten angelegt hat, den Jardin Atlantique. Darum herum stehen hohe Gebäude mit Wohnungen und Bureaus, der Garten wird denn auch eifrig besucht, vor allem in den Lunchpausen, während derer die Angestellten auf den vielen lauschigen Bänken aus den umliegenden Bureaus ihr Mittagsbrot verzehren.

Eine andere Lösung des Knappheitsproblems fand man in der Idee von vertikalen Gärten, d.h. begrünten Fassaden und Brandwänden. In der Ausstellung vor dem Rathaus wurde gezeigt, wie solch ein vertikaler Garten aussehen kann.

Man hat  ein Förderungsprogramm beschlossen und in der Stadtverwaltung selbst eine Stelle für vertikales Grün eingerichtet, bei der Hauseigentümer und selbst Mieter Anträge für das Begrünen ihrer Fassaden einreichen können. Die Fassade wird dann durch die Gemeinde untersucht auf ihren bautechnischen Zustand und, wenn dieser in Ordnung ist, erhalten die Antragsteller Ratschläge für eine geeignete Bepflanzung. Die Stadt liefert selbst die Pflanzen. Das ist nicht teuer, im allgemeinen reichen 2, 3 Pflanzen Wilden Weins oder Efeus für eine ganze Fassade.  Schließlich verpflichtet sich die Gemeinde auch zum Allerwichtigsten – zum Beschneiden des Bewuchses. Auch das hört sich großartiger an als es für die Gemeinde ist: es fahren ja unentwegt Spezialfahrzeuge mit langen Leitern durch die Stadt, die die 80.000 Pariser Straßenbäume, meist Platanen, beschneiden. Da können die Fassaden noch hinzugenommen werden...

Inzwischen sind im Rahmen dieses Programms über 100 Fassaden begrünt worden – natürlich gemessen an den vielen Fassaden der Stadt eine kleine Zahl, doch hat es eine stimulierende Wirkung. Überall sind Fassaden zu finden, die mit wildem Wein und Efeu bewachsen sind, teils neu angelegt, teils von alters her an historischen, denkmalgeschützten Gebäuden – eine alte Tradition in Frankreich und auch in Paris.

Mittlerweile sind die vertikalen Gärten zu einer neuen Gartenkunst entwickelt worden. Herausragende Architekten verwenden strukturell Grün in ihren Fassaden – voran Jean Nouvel, der sein Museum Quai Branly am Seineufer mit einem aufregend schönen vertikalen Garten hat schmücken lassen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist dieses Museum zu einer großen Touristenattraktion geworden.

Auch bei einem anderen Bauwerk hat Jean Nouvel einen kleinen vertikalen Garten eingebaut: Das Gebäude der Fondation Cartier, in den Untergeschossen ein Museum für zeitgenössische Kunst, zeichnet ein großes lebendes Pflanzenbild über dem Eingang aus.

Auch Unternehmen haben die Attraktivität grüner Highlights begriffen: Das Kaufhaus BHV hat die ganze Fassade seiner neuen Dependance für Herrenmode an der dem Gebäude gegenüberliegenden Seite der engen Straße begrünen lassen.

Der ‚Künstler’ dieser vertikalen Gärten ist Patrick Blanc, der inzwischen in der ganzen Welt grüne Fassaden entwirft und bepflanzt. In Frankreich ist er so bekannt und beliebt, dass eine Ausstellung seiner Arbeiten – nota bene beim Pariser Energiebetrieb – zu langen Schlangen vor dem Eingang führte: Jung und Alt, alle Lebensalter und soziale Klassen strömten dahin...

Amsterdam kann sich übrigens ohne weiteres mitbewerben in der Konkurrenz um das schönste begrünte Gebäude: Das Hallenschwimmbad Mercator von Architekt Ton Verhoeven hat ein hinreißendes grünes Jäckchen übergezogen – das macht das Schwimmbad zu einer grünen Insel mitten in der Stadt. Wohl hat es eine Weile gedauert, bis die Pflanzen richtig ausgewachsen waren, aber nun, nach zwei Jahren ist das Grün üppig, vielgestaltig und wunderschön.

Dieses Bad zeigt noch ein anderes Beispiel für vertikales Grün: eine ganz gewöhnliche Hecke um das Gelände ist bewachsen mit Efeu: eine schöne lebende Mauer, nicht weniger effizient als in kahlem Zustand, aber weniger grob.

Übrigens bietet Amsterdam noch andere Ideen: eine Scheidewand mit Efeu zwischen einer stark befahrenen Autostrasse und dem Fahrradweg z.B., die, einmal angelegt, keinen Unterhalt mehr braucht.

Schön bewachsene Fassaden gibt es natürlich ebenfalls, auch ohne Förderungsprogramm.

Und noch eine andere Idee: begrünte Baumscheiben. In Paris hat man ein Programm dafür entwickelt: Die Bewohner einer Straße, die ihre Baumscheiben bepflanzen wollen, können einen Verein bilden, dem dann die Baumscheiben ganz offiziell überantwortet werden, inklusive Ratschläge fürs Bepflanzen. Das sind hübsche kleine Gärtchen für Stadtkinder direkt vor ihrer Haustür.

In Amsterdam gibt es das ebenfalls, freilich ohne kommunales Programm, quasi ‚wild’... Und dort gibt es phantastische Gärtchen entlang der Fassaden in allen erdenklichen Variationen...

Auch gibt es zwischen den Ritzen seltene wilde Pflanzen, und es gibt Menschen, die diesen Wildwuchs mit Enthusiasmus verfolgen und beschützen gegen die kommunalen Reinigungsdienste...

All dieses Grün ist aber nicht nur für uns Menschen schön und angenehm. Biologen haben entdeckt, dass die Biodiversität in Städten größer ist als auf dem Lande.
Das städtische Grün, diese so nützliche Biomasse, unser CO2-Depot dicht am Haus, dient auch als Nährboden für alle möglichen Arten von Leben.

Wir als Städter nehmen das wahr in Form der Vielzahl von Vögeln und anderen Tieren, die in den Städten überleben können.

Aber was heißt überleben? Mehr Biodiversität innerhalb als außerhalb der Stadt – die Natur emigriert also in die Stadt! Es spricht Bände über die Lebensqualität unserer sog. Natur auf dem Lande: faktisch hauptsächlich agrarische Monokulturen mit viel chemischen Giftstoffen.

Im Gärtchen hinter meinem Haus mitten im Zentrum von Amsterdam baute vor Jahren ein Pirol sein Nest. Gegenwärtig ist um 4 Uhr morgens eine Nachtigal zu hören. Und der kleine bunte Specht, der auf dem Innenterrein lebt, hat nun schon flügge Nachkömmlinge.
Die Städte sind zum Refugium vieler Sorten von Tieren, Insekten, Pflanzen geworden... zu einem großen Biotop.

Kröten, Frösche, Blesshühner, Haubentaucher, Fischreiher in der Gracht. Kaninchen, Füchse, Marder... in Berlin gibt es sogar bereits Wildschweine, man schätzt ihre Zahl auf 300 – schlaue Tiere, die sich zwischen Autos verstecken vor den Jägern, die durch die Gemeinde eingesetzt sind, um ihre Zahl in Zaum zu halten....

Die Gemeinde von Paris hat Anfang 2008 in den Parks innerhalb der Peripherique Interieur Bienenkörbe aufgestellt, auch im repräsentativen Jardin de Luxembourg. Mit überraschendem Effekt: die Imkervereinigung der Ile de France hat jüngst auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass die Pariser Bienen 10mal so viel Honig liefern wie ihre Artgenossen auf dem Lande. Und dass es kein Bienensterben gibt wie anderswo in der sog. Natur.

Es wird Zeit, dass wir Städte anders betrachten. Die alte Unterscheidung zwischen Stadt und Natur ist überholt. Wir müssen unser Denken neu ordnen.... das ist nicht einfach, sicherlich. Aber es kann in jeder Hinsicht Gewinn bringen: Wir vergrößern die Biomasse in der Stadt, indem wir sie begrünen. Wir gewinnen eine gratis Wärmeisolation und eine gratis Regenwasserrückhaltung – und wir holen die Natur zu uns heran. Die Natur, nach der sich so viele Menschen sehnen. Die sie so gerne hinter ihrem Haus haben wollen, während die Vordertür an den Kudamm grenzt...

Damit sind wir bei dem schönsten Pluspunkt einer Begrünungspolitik für die Stadt: dem Genuss, den wir Menschen daran empfinden, der Freude, die das Grün uns bringt.

Wir müssen Abstand nehmen von der kühlen Ästhetik aus Glas und Stahl und unbepflanzten Dächern, einer Architektur, die das Leben ausschließt und die so fatal ist für GAIA, unsere Mutter Erde.

Faktisch sind diese Gebäude riesige Empfänger für Sonneneinstrahlung und Öfen für die Erwärmung unseres Klimas. Schwer zu begreifen, dass sie so lange so geliebt waren bei Jurys von Wettbewerben und in den Architekturzeitschriften...

Wir müssen statt dessen zur Wertschätzung von Gebäuden finden, die die Integration von Natur in ihrem Wappen führen.
Das Hundertwasserhaus in Wien zum Beispiel, seit Jahrzehnten geliebt bei Bürgern, aber verteufelt in der Welt der Architekten... Nun wird Hundertwasser mit seiner Philosophie und seinem programmatischen Haus in Wien wieder entdeckt und auch durch manchen in der Fachwelt mit anderen Augen betrachtet.
Ebenso das Baumhaus von Ott Hoffman in Darmstadt aus dem Ende der 60er Jahre: Ein einfacher Betonskelettbau – aber was für ein Fest hat er daraus gemacht!

Immer mehr junge Architekten schließen sich hier an – um nur einen zu nennen: Eduard François mit seinem Flower Tower, sozialer Wohnungsbau in Paris, in einem Neubauquartier von hoher Dichte.

Voilà, ich habe Sie in der vergangenen halbe Stunde mit genommen auf einer kleine Erkundungsreise, wie es auch anders geht – und ich will Sie einladen, mit offenen Augen um sich zu schauen und die Natur in der Stadt zu entdecken und zu fördern.
Ich habe Sie anfangs teilnehmen lassen an den furchterregenden Prognosen der Klimatologen zur Zukunft unserer Erde. Nicht um Sie zu erschrecken oder - angesichts der Größe des Problems - zur Verdrängung Anlass zu geben.
Vielmehr geht es darum, das Ruder so schnell wie möglich herumzuwerfen und den Kurs zu ändern.
Ich habe Ihnen zeigen wollen, dass ein wichtiger Beitrag, den wir leisten können im Bereicht des Planens und Bauens und der Gestaltung unserer städtischen Lebensumwelt, sei es als Bürger oder als Stadtverwaltung, glücklicherweise zugleich enorm erfreulich für uns ist: Grüne Dächer, grüne Fassaden und Brandwände, Bäume, das kleine Grün an den Fenstern, auf den Balkonen, zwischen den Fliesen – es sind in einer dichten und immer weiter sich verdichtenden Stadt Ruhepunkte für die Seele, Trost für die Augen und Medizin für den Körper in seiner Gesamtheit...
Lassen Sie uns mit Verstand und Herz zurückkehren zu einer Haltung des ‚Mit der Natur’ anstelle eines 'Gegen die Natur' und lassen Sie uns mit dem Begrünen der Stadt das Unsere dazu beitragen, die große Gefahr, die GAIA und damit uns allen droht, in letzter Minute abzuwenden!

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