URBAN GREEN IN WIEN

Was ist los in unseren Städten? Wo früher Jugendliche mit Kapuzen und Spraydosen herumliefen, findet man heute Menschen mit Gummistiefeln und Harke, und wo früher provokante Graffitis entstanden, wachsen nun Gartenbeete. Aber das ist nur eine der Fronten, auf denen dem Grau in der Stadt gerade der Kampf angesagt wird. Eine Vielzahl von Gemeinschaftsgarten-Projekten ist in den letzten Jahren im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Boden gewachsen. Grün ist das neue Schwarz der Stadt und hat sich zum Dauerbrenner etabliert.

Doch woher kommt eigentlich dieser dringende Wunsch in einer Stadt, in der kaum ein Ort weiter als 20 Minuten von der nächsten größeren Grünfläche entfernt ist? Und haben Projekte wie das Altmannsdorfer Dreieck, die mit erheblichem finanziellem und voraussichtlich auch ökologischem Aufwand diesem Wunsch Folge leisten, hier überhaupt eine Rechtfertigung?

Frau Prof. Dr. Helga Fassbinder, Begründerin der Stiftung Biotope City, die den Architekten bei diesem Projekt fachlich beratend zur Seite stand, argumentiert folgendermaßen: „Die attraktiven Städte werden immer voller, die Bebauung immer dichter, das Leben wird stressiger, und die Umwelt wird für die Bewohner ungesünder. Es wird höchste Zeit, dass das Bauen eine Wende nimmt: Wenn kein Platz mehr da ist für Grün und Bäume, dann müssen wir das Grün eben auf den Dächern und entlang der Fassaden anbringen. So kann es seine wohltuende Wirkung auch in der dichtesten Stadt ausüben. Wohltuend für das Stadtklima: Senkung hochsommerlicher Temperaturen; für die Luft: CO2-Bindung; für die Kanalisation: verringert und verzögert Regenwasserabfluss; und nicht zuletzt gut fürs Gemüt: Grün beruhigt die Nerven und hilft zu Gesunden.“

Nur allzu nachvollziehbar sind diese Argumente in einer Zeit, in der Klimawandelexperten wenig Anlass zu Optimismus geben. Doch der Verdacht liegt nahe, dass sich hinter den aktuellen Megatrends Public-, Urban-, Communalund Guerilla Gardening mehr verbirgt als nur eine ökologische Krise. Bestätigt wird dieser Verdacht auch durch die von Elke Krasny kuratierte Ausstellung „Hands-On Urbanism“, die sogar von einem Recht auf Grün spricht und den sozialen/gesellschaftlichen Aspekt diverser Gardening Projekt hervorhebt. Schon früher in der Geschichte führten Krisen zu Landnahmen in der Stadt. Elke Krasny spricht von einem Krisenurbanismus, der von Selbstorganisation und informeller Stadtentwicklung geprägt ist.
So beginnt die Ausstellung mit der Geschichte der Schrebergärten. Der Schreberverein Leipzig wurde 1865 als Schulverein gegründet. Anlass war die Kritik an der unzureichenden Versorgung mit Freiräumen und Spielmöglichkeiten durch die Stadt Leipzig. Der als Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht organisierte Verein pachtete ein Grundstück von der Stadt, das langfristig erhalten und als kollektiv zu nutzender Freiraum der Grund- und Bodenspekulation entrissen wurde. Erst später wurden rund um den Schreberplatz Beete angelegt. Gemeinschaftlich organisierte und genutzte Gartenprojekte führen seit jeher zu alternativen Formen des Zusammenhalts, der Nachbarschaftlichkeit und der Verteilungsgerechtigkeit.

Die weit verbreitete Wiederaufnahme dieser Kultur kann durchaus als direkte Kritik an der diesbezüglichen aktuellen Situation gelesen werden. Doch was steckt dahinter, wenn über Nacht aus Baumscheiben plötzlich blühende Inseln entstehen? Ein verzweifelter Versuch einzelner Bürger, die Stadtluft sauberer zu machen, oder einfach nur ihr Umfeld zu verschönern? Das mag vielleicht der Fall sein, aber hinter dem aufgekommenen Trend des Gärtnerns scheint es neben dem Gedanken der Selbstversorgung und der Autonomie noch eine weitere Intention zu geben.
In der Ausstellung „Hands-on Urbanism“ [die im Frühsommer 2012 im Architektur-Zentrum zu sehen war, wir haben unter CURRENT darauf hingewiesen, B.C.] ist von einem symbolischen Wurzelschlagen als Strategie gegen erzwungenen Nomadismus und Vertreibung die Rede. Besonders in von Gentrifizierung betroffenen Gegenden bietet public gardening die Möglichkeit, sich öffentliche Räume anzueignen, aktiv zu werden, Verantwortung zu übernehmen und dadurch an Einfluss zu gewinnen, um somit dem steigenden Druck der Kommunen jede noch so kleine Restfläche ökonomisch verwerten zu müssen, zumindest etwas entgegenhalten zu können.

 

Mit Dank an architektur-online, http://www.architektur-online.com