EIN BIOTOPE-CITY-QUARTIER FÜR WIEN

Available translations: 

 

In Wien wird derzeit der Bau eines Biotope-City-Quartiers geplant. Ein Quartier nach den Prinzipien von Biotope City, die Realisierung eines dichten Stadtquartiers als Natur in einem engen Nebeneinander von Menschen mit ihren Wohnungen und unmittelbaren Wohnfolgeienrichtungen und Flora und Fauna mit jeweils ihren eigenen, eng miteinander verzahnten Lebenskreisen.

Das Quartier wird auf dem Gelände der ehemaligen CocaCola-Produktion in Wien entstehen, einem 5,4 ha grossen Areal, das an die stark befahrene Triester Strasse grenzt, auf deren gegenüberliegender Seite sich die Wienerberg City erhebt, mit ihren eng beieinanderstehenen Wohntürmen eine der unerfreulichen Hinterlassenschaften städtebaulicher Irrungen der 80er Jahre, die auch in Wien zu finden sind. Im Norden jedoch grenzt das Areal an ein Gebiet mit Siedlungshäusern der 30er Jahre, im Süden und Westen sogar an den Wienerberg und den Otto-Benesch-Park, grüne Erholungsbiete. Lediglich auf der nordöstlichen Ecke befindet sich noch ein Gewerbe, eine Autolackiererei.

Derzeit ist das Gelände völlig überbaut mit Fabrikhallen. Hierher soll nun ein dichtes, durchgrüntes Wohngebiet kommen - doch mehr noch: ein Gebiet, das die Leitideen eines städtischen Biotops verwirklichen soll. 

Die Vorgeschichte

Den Anstoss zur Realisierung dieses Konzepts auf diesem Gelände gab Harry Glück. Harry Glück war auf die Stiftung Biotope City und ihr online Journal gestossen. Beeinflusst von Anthropologen und Biologen war seine Idee von Städtebau immer schon geprägt von der Erkenntnis, dass Menschen, in grauer Vorzeit einmal Savannenbewohner, sich von ihrer Vorgeschichte trotz aller geschichtlichen Entwicklung in ihren Grundbedürfnissen noch nicht weit von dieser ihrer Prägung entfernt haben. Daher sind zwei Dingen unentbehrlich für ihr Wohlbefinden: Grün und Blau, Blattgrün und Wasser. Er hatte bereits in den 70er Jahre Furore gemacht mit einem Grossprojekt, in dem er beides realiserte in Form von drei Hochhauskomlexen in einer Parkanlage mit ausgedehnter Balkonbegrünung und Swimmingpools auf den Dächern: Alterlaa. Dort wohnen heute noch in grosser Wohnzufriedenheit und mit langen Wartelisten 11.000 Menschen in Sozialwohnungen.

 
Wohnkomplex Alterlaa, Wien,  Foto: Helga Fassbinder©

Angesprochen von der Idee der dichten Stadt als Natur kontaktierte Harry Glück die Stiftung Biotope City, um in Wien ein Modell des zukunftsgerechten urbanen Wohnens und Lebens nach den Prinzipien von Biotope City zu bauen.

Was ist anno 2017 zukunftsgerechte Stadtplanung ?

Doch was ist heute, 40 Jahre nach Alterlaa, noch gültig? Was ist heute zukunftsgerechtes Wohnen, zukunftsgerechte Stadtplanung? Unsere Umweltbedingungen haben sich global stark verändert, insbesondere haben sich die Umweltbedingungen in dichten urbanen Räumen verändert. Heute sind wir mit einem deutlich spürbaren Klimawandel konfrontiert, dessen Auswirkungen, Prognosen zufolge, in den kommenden Jahrzehnten noch in weiter steigendem Mass fühlbar werden. Die Sommer werden heisser, die Regen fallen oft heftig und in solchen Wassermengen in kurzer Zeit, wie sie ansonsten zusammengenommen in Monaten gefallen sind. Stürme entstehen zu allen Jahreszeiten mit ungewohnter Stärke. Zudem hat der immens zugenommene innerstädtische Autoverkehr zu einem Schadstoffausstoss geführt, der in vielen grossstädtischen Zonen die Zulässigkeit gesundheitlicher Belastung überschreitet. 

Hinzu kommen Veränderungen der Bevölkerungsstruktur. Waren vor 40 Jahren die Stadtquartiere noch relativ homogen sozial strukturiert und Menschen mit anderem ethnischen Hintergrund eine Ausnahmeerscheinung, so haben wir nun in vielen Quartieren eine grosse Zahl von Sprachen und Lebensgewohnheiten nebeneinander. 

Worum muss es heute angesichts veränderter Umweltbedingungen, veränderter Sozialstrukturen und veränderten Sozialverhaltens gehen?

Das Konzept Biotope City : die Stadt als Natur

Das Konzept Biotope City geht davon aus, dass das Ausmass an Verstädterung angesichts der damit einhergehenden Umweltfolgen unter dem Klimawandel zu einer neuen Strategie der Kooperation von Stadt und Natur führen muss: die Mechanismen der Natur der Selbstregeneration müssen genutzt werden, um die heutigen und die weiterhin zu erwartenden Belastungen des urbanen Lebensumfelds zu mildern. Das heisst:wir können uns die Kräfte des Blattgrüns zur Luftbefeuchtung, zur Klimasenkung, zur Luftreinigung zunutze machen und zur Regenwasser-Rückhaltung zunutze machen, Probleme, die anders nur mit hohem Kosten- und Zeitaufwand gemildert werden können.

Zudem haben diverse Untersuchungen von Biologen erwiesen, dass die 'Natur' die Städte längst erobert haben: die Biodiversität ist selbst in dicht bebauten Städten deutlich höher als ausserhalb. Aus dem Blickwinkel von Flora und Fauna gesehen nicht überraschend: die materiellen Strukturen, also alle Gebaute, zeigt eine grosse Vielfalt und macht damit einer breiten Palette von Nutzern mit unterschiedlichen Bedürfnissen Angebote. Zudem hinterlassen die menschlichen Nutzer der städtischen Strukturen täglich viel Abfälle, die als Nahrungsquelle dienen. Kurzum: die Stadt, auch die dicht bebaute Stadt ist längst Natur. Nur wir als Menschen, wir als Planer und Architekten müssen uns dieser Einsicht noch stellen...

Blick auf das Zentrum von Amsterdam aus der Vogelperspektive, Foto: Helga Fassbinder ©

 

Die Biotope City als Bauprogramm

Untersuchungen haben ausgewiesen, dass Begrünung ein in vieler Hinsicht ausgezeichnetes Mittel ist zur Luftreinigung, zur Klimasenkung, zur Wasserretention, zur psychologischen Beruhigung und auch zur Genesungsbeschleunigung bei Menschen... und obendrein ist Begrünung das bei weitem preiswerteste Mittel zur Abmilderung jedes dieser genannten Belastungen im einzelnen ist, nota bene ohne zusätzlichen Energiebedarf !

- 10% mehr Grün kann zu minimal 3 Grad Temperatursenkung führen
- Bäume, Sträucher, Gründächer, Vertikalgrün tragen zur Wasserrückhaltung bei Sturzregen bei
- Blattgrün kann bis zu 30 % des Volumen von Feinstoff absorbieren,

- Blattgrün trägt aktiv bei zur Konversion von C02

Die Biotope City als Programm für Biodiversität

Dies hat aber Implikationen: die Integration von vermehrtem Blattgrün (über Bäume, Sträucher, Dachbegrünung, Fassadenbegrünung) ist nicht zu haben ohne die damit verbundene eigene Lebenswelt: Insekten, Vögel, kleine Säugetiere. Die Integration von 'Natur' in die Stadt bedeutet auch: Ko-habitation mit natürlichen Lebenswelten, die damit unabscheidbar verbunden sind. 

Das erfordert ein weitreichendes Umdenken:

Es geht darum, die Stadt nicht länger als Gegenpol zur Natur begreifen, sondern als eine spezifische Form von Natur, eingereiht in die Natur-Typologie, die uns vertraut ist: Wald, Weideland, Sumpf, Felsgebirge, Düne etc. Damit begreifen wir, dass auch die Stadt eingebettet ist in die komplexen Zusamenhänge der Natur.

Die Biotope City als zivilgesellschaftliches Programm

Das Konzept der Biotope City ist freilich unvollkommen, ja sogar unausführbar, wenn man es nur als eine Bauaufgabe betrachtet. Die Massnahmen der Begrünung können durch Investoren, Eigentümer und Gemeinden angeregt und unterstützt werden. Sie werden aber nur dann langfristig zu Erfolg führen, wenn Bewohner sich mit verantwortlich fühlen und sich mit engagieren bei der Unterhaltund des Grün und mit eigenen Aktiviäten dazu beitragen. Faktisch geschieht dies ja auch bereits an vielen Orten und in vielen Formen: Fenstersimsbegrünung, Balkonbegrünung, das Unterhalten von Gemeinschaftsgärten, das Adoptieren von Baumscheiben zum Gärtnern...bis hin zur Grünguerilla und den Gruppen, die seltene 'Unkräuter' in den Restflächen und Ritzen der Versiegelung beschützen. Aber auch 'Insektenhotels', Nistkästen für diverse Sorten von Vögeln, Fledermauskästen und in den Hausgärten liebevoll angebrachte Hilfen für Frösche, Spitzmäuse und andere Kleintiere sind keine Seltenheit. 

Dabei wird sichtbar, dass aus der Haltung, die unmittelbare Umgebung als Teil einer Natur, einer 'Stadtwildnis' zu betrachten, ein erneutes Verantwortungsgefühl erwächst. Bedachtsames und verantwortliches Verhalten gegenüber allem, was lebt, entsteht. Eine neue Gemeinsamkeit mit Nachbarn - gemeinsames Gärtnern, gemeinsames Pflegen, gemeinsames Beschützen... Der Amsterdamer Stadtökologe Martin Melchers hat einen wunderbaren Naturfilm über die Wildnis von Amsterdam gedreht, der genau diesen Aspekt schön demonstriert - auch in seiner Offenheit gegenüber dem Fremden, denn auch in der Natur gibt es eine ständige Veränderung und ein Eindringen von anderen, nicht einheimischen Sorten, das es zu akzeptieren gibt: wir leben in einem Fluss der Veränderung, der sich seit Anbeginn der Zeiten stetig fortbewegt. Gerade dieser Aspekt ist es, der das Biotope City Konzept auch zu einem ein zivilgesellschaftlichen Programm werden lässt: im gemeinsamen Umgang mit Natur auch von der Natur lernen. 

Fazit:

Begrünung ist eine zeitnahe realisierbare und kostengünstige Maßnahme für zeitgemäße und zukunftsgerichtete Qualitätsstandards:

eine grüne Haut für die Stadt....

      ● effizient + kostengünstig im Hinblick auf Milderung der Auswirkungen wesentlicher Umweltfaktoren:
           - Temperatursenkung
           - Feinstoffreduktion
           - CO2-Reduktion
           - Regenwasserrückhaltung
           - Windbremse
           - Dachisolation

     • hilfreich für soziale Stabilisierung der Nachbarschaft über ethnische Herkunft und Schichten hinweg und Stärkung des    Verantwortungsbewußtseins für das Wohnumfeld:
          - durch urban gardening und urban farming
          - durch Einsatz für Nistkästen und Insektenhotels
          - mögliche Verringerung von Freizeitmöbilität durch Rekreationsangebot zuhause

Terrassengarten 12.Etage, Alterlaa, Wien, Foto: Helga Fassbinder©

 

10 Effekte des Konzepts 'Biotope City'

Der Beitrag des Konzept zur Verbesserung des urbanen Lebens unter heutigen und zukünfitgen Umweltbedingungen lässt sich in 10 Punkten zusammenfassen:

1.   Urbane Klimaregulation (Temperaturreduktion) durch Pflanzen (Bäume, Sträucher, Stauden, Dach- und  Vertikalbegrünung) und damit Abmilderung der Folgen des Klimawandels für BewohnerInnen und Eröhung des thermischen Wohlbefindens im Freiraum sowie durch Beschattung und thermischen Schutz von Baukörpern (Energiekostenersparnis)
2.   Optimierung des Windfeldes für das Mikroklima
3.   Wasserretention durch versickerungsfähige Oberflächen
4.   Speicherung und Bewirtschaftung von Niederschlagswasser durch Pflanzen (Blattgrün+Wurzeln), Raingardens, Teiche, Zisternen
5.   Feinstaub- und Schadstoffabsorption durch Pflanzen
6.   CO2-Bilanz: Fixierung von CO2 durch Pflanzen
7.   Kompensation der Versieglung durch Begrünungsmaßnahmen
8.   Erhöhung der Biodiversität
9.   Bewegungs- und Begegnungsraum im Freien für Bewohner, insbesondere Kinder und ältere Menschen, aber auch mit dem unbekannten Nachbarn.
10.  Naturerlebnis als essentieller Lebensbestandteil mit seinen positiven Auswirkungen auf das seelische Gleichgewicht und auf Heilung

Also alles in allem: das Begrünen der Stadt ist die "eierlegende Wollmilchsau", wie es der Ingenieurbiotologe Bernhard Scharf auszudrücken pflegt:

- ökologisch effizient
- preiswert
- energiesparend
- sozial förderlich

...und zudem einfach schön !

Die Biotope City, die Stadt als Natur: das ist die Stadt einer humanen, umweltgerecten Gesellschaft. Sie ist hoch verdichtet und extrem grün und besitzt eine neue, andere Schönheit, als sie uns, die wir an der Moderne geschult sind, geläufig ist.

Sie schließt Natur ein und nicht aus.
Sie macht, als ein spezifischer Typus von Natur, dem urbanen Menschen erfahrbar, dass er Teil einer umfassenden Natur ist, für die er Verantwortung trägt.

 

Das Biotope-City-Quartier auf dem CocaCola-Areal

Das Areal ist 5,4 ha gross, die Planung umfasst 950 Wohnungen, Bureauflächen, eine Schule, einen Kindergarten, Geschäfte des Nahbedarfs, Gemeinschaftsflächen, und eine breite Scala von Angeboten im Freiraum von Kinderspielplätzen für verschiedene Altersgruppen, offenen Wasserläufen, Flächen für Mietergärten und gemeinschaftliches urban gardening.

Die Planung wurde in einem kooperativen Verfahren durchgeführt, an dem drei Architektenbureaus, Fachplaner verschiedener Disziplinen und verschiedener Magistratsabteilungen,  sowie Vertreter der Bauträger und des Bezirks beteiligt waren. 

Worum sollte es gehen? Wie sieht eine Fortsetzung und zeitgemässe Auffrischung der Intentionen der so erfolgreichen Glück-Bauten aus? Kann es uns gelingen, ein solch total versiegeltes Gelände zu normalen Kosten des Sozialen Wohnbaus nach den Prinzipien von Biotope City zu bebauen?
- artgerecht für die species homo sapiens unter heutigen und zukünftigen klimatischen Bedingungen
- umweltgerecht für die Biodiversität
- ressourcenschonend
- mit kluger Nutzung von Natur zur Ergänzung und Verbesserung unserer technischen und sozialen Lösungen
Nota bene: Das Resultat wird sicherliche mittel- u langfristig kostengünstiger sowohl für die öffentliche Hand und als auch für die Bauträger!

Das Planungsteam an der Arbeit, Foto: Helga Fassbinder©

"Stadtreparatur ist hier nicht genug. Es geht darum, an diesem Ort die Gelegenheit zu nutzen, den
psychologischen Appell an die Natur vorbildhaft in das hier entstehende Quartier zu integrieren."

Harry Glück bei der Kick Off Veranstaltung des Projekts Biotope-City-Quartier

Planskizzen Maria Auböck ©Auböck&Kárácz

Vision des Quartiers ©Schreiner&Kastler

Was ist Sachstand?

Inzwischen ist der Masterplan durch die Stadt genehmigt. Nun wird es darum gehen, diese hochkomplexe Planung zu detaillieren. 

Die Universität für Bodenkultur und Green4Cities haben zusammen mit der Stiftung Biotope City einen Forschungsantrag gestellt, um den Planungsprozess zu verfolgen: Wo wird es Schwierigkeiten innerhalb des Planungsprozesses, der doch in vielen Bereichen Neuland betritt, geben? Wo wird es Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Planung geben? Welcher Art werden diese sein? Welche Rolle spielen dabei die Organisationsstruktur und welche die bestehenden Vorschriften und Verordnungen? Wichtig, da auf diese Weise Hürden und Barrieren für eine Integration der extremen Begrünung in die dichte Stadt mit all ihren positiven Folgen dingfest gemacht werden können und Lösungen zu ihrer Überwindung entwickelt werden können. Ziel ist es, das Konzept übertragbar zu machen für andere Bauvorhaben auf anderen Orten. Auch dieser Forschungsantrag ist inzwischen genehmigt worden. Die Arbeit ist gestartet.

Interdisziplinäres  kooperatives Projektentwicklungsverfahren
interdisziplinäres Planungsteam:
Harry Glück, Stadtplanung/Architektur
Helga Fassbinder, Stadtplanung, Stiftung Biotope City
Rüdiger Lainer + Partner, Stadtplanung/Architektur
Renate  Rödel/Franz Sumnitsch, BKK3, Stadtplanung/Architektur
Maria Auböck, János Kárácz, Freiraumplanung
Andreas Käfer, TraffiX, Mobilitätskonzept, Verkehr
Bernhard Scharf, Institut f Ingenieurbiologie u Landschaftsbau, Boku
Margarete Huber, Raimund Gutmann, wohnbund consult, Quartiersentwicklung u Parizipation
Auslober:
GESIBA in Kooperation mit Wien Süd und Mischek/Wiener Heim