DAS KONZEPT DER BEGRÜNTEN WAND UND DIE STADT - Gespräch mit Patrick Blanc

Available translations: 

Von den begrünten Wänden von Patrick Blanc war uns vieles bekannt. Wir hatten ihre Standorte festgestellt und manche seiner Kreationen sehr bewundert. Wir hatten uns über ihre technische Konzeption und die Art ihrer Ausführung informiert. Jedoch war unser Wissensdurst immer noch nicht gestillt, weil sie in den verschiedenen Artikeln, die wir gelesen hatten, im wesentlichen als architektonische Objekte im Verhältnis zur Architektur dargestellt wurden. Wie sieht es aber mit der städtischen Dimension aus? Kann man sich begrünte Wände im Maßstab der gesamten Stadt vorstellen? Was wäre das Interesse an einer solchen Verallgemeinerung? Wie wäre ihr Potential unter ökologischen, sozialen und ästhetischen Gesichtspunkten zu definieren?

Wir wollten uns über diese Fragen mit Patrick Blanc unterhalten. Wir haben ihn in Paris, im Patio des Hotels Pershing, vor einer seiner begrünten Wände getroffen. Er ist eine markante Persönlichkeit mit einer ansteckenden Begeisterung, und er zeigt uns eine 30 Meter hohe Wand zeigt, aus der verschiedene exotische Pflanzen herausspriessen, die auf synthetischem Filz wachsen: Buddleias, Farne, Salbei, verschiedene Sorten von Berberis. Wir unsrerseits haben ihm das Konzept von Biotope City erläutert. Ist Patrick Blanc mit uns auf gleicher Wellenlänge?

 

BCJ: Das Konzept Biotope City geht vom dem Problem der Erwärmung der Erde aus.
Kann die begrünte Wand zur Bekämpfung der verhängnisvollen Auswirkungen der Luftverschmutzung beitragen?

Patrick Blanc: Ja zweifelsohne! Aber ich kann Ihnen keine präzise Antwort geben und auch keine Prozentzahlen nennen. Das wird die Städte wahrscheinlich nicht retten, aber es könnte helfen.
Die Pflanzen verbrauchen Kohlenwasserstoffe auf der Ebene der Wurzeln. Die Mikroorganismen sind wirksam, wenn sie Sauerstoff einatmen, also wenn die Wurzeln atmen können. Es ist daher wichtig, dass sie in Kontakt mit der Luft stehen.

BCJ: Biotope City beschäftigt auch das Problem des Klimawandels. Können begrünte Wände einen Betirag leisten im Kampf gegen die weltweite klimatische Aufheizung und Luftverschmutzung? 

Patrick Blanc: Wenn die Temperatur konstant ist, ist die Wirksamkeit größer. Die Pflanzen, die ich studiere, sind Tropenpflanzen, die dort im Schatten leben, geschützt durch große Bäume, wo ständig eine Temperatur von 25 Grad herrscht. In den Wipfeln der Bäume sind es 20 Grad in der Nacht und manchmal 40 Grad am Tag. Gegen den Wind geschützt zu sein, ist ebenfalls ein wichtiger Faktor.
Ein weiterer Vorteil der begrünten Wand besteht darin, als Asyl für die Vögel zu dienen. Sie sind geschützt gegen Katzen, die auf die senkrechten Wände nicht klettern können. Die Vögel haben ein Gedächtnis für den Zeitpunkt der Berieselung. Und die Insekten? Man hat mir die Frage schon gestellt. Manche Personen fürchten sich vor Insekten, aber ich habe mit den Pflanzen nicht auch deren tropische Herkunftsländer importiert. Wenn ein Forscher, der die Mur de la Cascade de France studiert, also in Créteil etwas hat finden können, beweist das nur, dass es schon da war.
 
BCJ: Sind Ihrer Meinung nach die Leute für mehr Natur in der Stadt?
 
Patrick Blanc: Es kann Vorbehalte geben, die Befürchtung, die Natur da auftauchen zu sehen, wo man sie nicht erwartet. Die Angst, dass die Pflanzen zu groß werden, dass Blätter fallen, dass Mücken aufdringlich werden. Von einem positivem Standpunkt aus betrachtet, bieten meine Interventionen die Möglichkeit, von der Natur zu profitieren, ohne dass es nötig ist, sich zu ihr hin zu begeben. Man hat ja nicht immer die Möglichkeit, Zeit in einem Garten zu verbringen - das ist ein Luxus. 
 
BCJ: Natur und Künstliches: hat die Wand nicht einen künstlichen Charakter und wird sie nicht so wahrgenommen?
 
Patrick Blanc: Die Unterkonstruktion ist vollkommen künstlich, ich benutze die biologisch abbaubaren Materialien nicht, weil das nicht ginge. Es funktioniert wie auf Felsen, genauso wie in der Natur. Ich habe meine Untersuchungen in meinem Zimmer begonnen, mit 16, 17 Jahren, mit einem Aquarium. Ich bin mit 19 Jahren nach Malaisien gegangen. Da habe ich Pflanzen auf Felsen wachsen sehen, wo es Moose gab: da war es feuchter als auf den Baumstümpfen. Am Anfang benutzte ich ein Putztuch auf Plastik, aber das stank!! Mit 20 Jahren habe ich Filz benutzt, ich dachte, dass das eine gute Idee war, aber der vermoderte. Dann habe ich mich synthetischem Filz zugewendet

BCJ: Ihre Arbeiten zeugen von einem ästhetischen Vorgehen. Zuerst machen Sie die Komposition. Wenn Sie in großem Maßstab arbeiten könnten, wo würden Sie ihre begrünten Wände anbringen? 

Patrick Blanc: Es gibt viele sehr häßliche Wände in Paris. An der Ecke der rue de Turenne und rue de Rivoli zum Beispiel. Aber ich würde es nicht im Hof eines historischen Gebäudes des Marais machen!

BCJ: Ganz allgemein: was wären Ihre Auswahlkriterien?

Patrick Blanc: Das wären nicht die schönen Haussmann-Quartiere, sondern die verwahrlosten Orte: die Bahnhöfe, die Brückenunterführungen, die Parkplätze, die Giebelwände. Für die Botschaft in Delhi zum Beispiel habe ich gedacht, dass man sich nicht für den mogulischen Garten entscheiden sollte, sondern für die Eingangshalle, die steinern, traurig und streng war, und die vier Säulen enthielt. Ich habe gedacht, dass Begrünung auf diesen vier Säulen perfekt wäre.

BCJ: Die pflanzlichen Wände tragen zu einer neuen Ästhetik der Stadt bei. Was sind Ihre Ambitionen in dieser Hinsicht?

Patrick Blanc: Ich habe eine ästhetische Ambition: ich bin vor allem Botaniker! Ich habe senkrechte und abschüssige Felswände geschaffen. Ich wähle verschiedene Pflanzen, je nach Stadt, je nach Klima. In den Städten des Nordens stehen uns nicht so viele Pflanzen zur Verfügung als in den Städten des Südens. Je kälter es ist, desto geringer ist die Auswahl: in Dänemark gibt es nicht mehr als 50 Pflanzensorten. In Avignon konnte ich mehr als 400 pflanzen. In New Delhi ist die Auswahl der Pflanzen beschränkt, weil es im Winter kalt und im Sommer warm ist. Aber auf dem Markt von Bangkok, und das ist toll, gibt es mehr als 4000 oder 5000 Pflanzensorten! Noch mehr als in Japan!

BCJ: Ziehen Sie auch in Betracht, Ihre Aktivitäten auch auf sozial problematische Bezirke auszudehnen?

Patrick Blanc: Eines meiner Projekte betrifft eine Vorortstadt. Es ist möglich, die Natur in die Stadt
Abstand von 2,20 m zwischen zwei Fenstern, mit auf jeder Seite einem zugänglichen Streifen, den man vom Fenster aus erreichen kann. Die Einwohner können sich dieses Raumes bemächtigen und die Pflanzen auswählen, die ihnen gefallen. Was mich anbetrifft, werde ich die Langzeitversorgung der Pflanzen übernehmen, um so gut wie möglich deren Lebensfähigkeit zu sichern. Man muss sich um Lebendiges kümmern. Eine Pflanze ist für alle da. Man soll sie leben und wachsen sehen.

BCJ: Was ist mit den Kosten? Stellt die Bewirtschaftungskosten keine Bremse dar?

Patrick Blanc:  Eine grüne Wand ist nicht sehr teuer. Für die Pflanzen muss man 250 bis 280 Euro pro m2 rechnen. Man kann auf 160/180 Euro heruntergehen, wenn man die Anzahl von 30 auf 10 pro m2 reduziert. Der Nachteil ist, dass das mehr Zeit beanspruchen wird. Der Metallrahmen ist das, was am teuersten ist. Die Platte aus PVC kostet +/-30 Euro; der Filz 8 Euro. Die Honorare des Architekten liegen zwischen 12-15%. Nach der Pflanzung gibt es die Versorgung. Zuerst die Kosten des Schneidens, das 2 bis 3 Mal jährlich stattfinden muss (am Quai Branly machen das zwei Personen an zwei Tagen pro Jahr. Vielleicht ist das zu wenig?) Dann die Kosten der Berieselung: eine Strang für 100m2, 3 Minuten, 4 Male pro Tag. Das überschüssige Wasser kann zurückgeführt und wieder verwendet werden, aber eine Auffangwanne ist teuer.

BCJ: Denken Sie, dass Ihr Konzept in großem Maßstab angewendet werden kann?

Patrick Blanc: Ich habe davor keine Angst! Der Wald hat die Erde 10 Millionen Jahre lang bedeckt. Ich mache begrünte Wände erst seit 20 Jahren! Ich schaffe Kontinuität: die Wurzeln entwickeln sich auf einer Oberfläche und nicht auf einem Tiefenvolumen. Das ist das, was den Unterschied ausmacht zu dem, was in Töpfen aufgehängt wird, wo die Wurzeln eingeengt werden. Mein Patent erwähnt diesen Kontinuitätsbegriff und schützt mich dadurch. Dieser Kontinuitätsbegriff ist nicht präzise definiert, und das ist seine Stärke. Hinsichtlich der Abfolge der Pflanzen und der Art und Weise ihrer Anordnung ist es vor allem das Urheberrecht, das hier eine Rolle spielt. Genau wie bei Christo und seinen Verpackungen. Um es noch einmal zu sagen, im Grunde bin ich Botaniker.

Übersetzung: Marieluise Neuhaus und Helga Fassbinder